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Wo bitte geht es zur Postwachstumsgesellschaft? – Politischer Wandel zwischen Führung durch Eliten und dem ‚Druck der Straße‘

04.11.2015 | von Erik Fritzsche

Gesellschaftsveränderung wird sich gern bildgewaltig vorgestellt: Massen stehen vor den Toren des Palastes, Demonstranten ketten sich an Atommeiler, mit allerlei waffenähnlichem Gerät geht es zum Sturm auf die Bastille. Historisch bedeutsamer ist wohl jedoch der schleichende Wandel, der Wandel aus dem Alltag heraus, der Wandel von unten: Erst in vielen kleinen Initiativen, Alltagshandlungen und Gesprächen wächst sich jenes Potential aus, dass dann zu so dichten Momenten wie den eben beschrieben führt, welche wiederrum weitreichende Veränderungen erzeugen. So war das bei Religionen, besonders beim Christentum; so ist es immer wieder bei der Demokratisierung von politischen Systemen zu beobachten; so war es bei der Gleichstellung der Frauen und der Emanzipation von Minderheiten; natürlich konnte dergleichen sehr eindrucksvoll beobachtet werden, als die Beteiligung und der Schutz von Arbeitnehmern erstritten wurde.

Offenbar gibt es hier ein einheitliches Muster der Problemwahrnehmung, die sich zunächst in lokalen Initiativen und Handeln zeigt. Zuerst wird nicht das politische Pamphlet geschrieben, sondern konkrete Lebenspraxis in Betrieben, Kommunen, Nachbarschaften verändert. Erst hieran schließt sich dann die Formation von politischen Akteuren an, wie etwa Vereine, Gewerkschaften, Parteien. Wenn hierbei eine ‚kritische Masse‘ überschritten wird, lassen sich Probleme wie auch Lösungswege nicht mehr ignorieren. Diese Verbindung aus dem Problem und der Lösung erzeugt jene Suggestivkraft, jene Handlungsvisionen, die das befreiende Gefühl von Alternativen zum Status quo gebären. Nun gibt es eine die betreffenden Probleme wahrnehmende und weitertragende Öffentlichkeit. Es bildet sich gleichsam ein Resonanzboden, dessen verstärkende Kraft machtzuteilende Wirkung entfaltet. Anfangend durch kritische Presseartikel über Demonstrationen bis hin zu Wahlergebnissen und zum Marsch durch die politischen und gesellschaftlichen Institutionen.

Derzeit ist allerdings noch kein Bewusstsein einer möglichen ‚Postwachstumsbewegung‘ zu erkennen; auch an der Schwelle zur politischen Akteursformation stehen dergleichen Bemühungen nur äußerst rudimentär. (Nur die Ökologisch Demokratische Partei hat ein Programm, das zentral und dezidiert von einer Wirtschaft ohne Wachstum handelt.) Diese Arbeiten müssen erst geleistet werden. Darum ist es sehr unterstützenswert, wenn etwa ‚FUTURZWEI.Stiftung Zukunftsfähigkeit‘ mit ihren Almanachen aufzeigt, wer alles wo in welcher Weise mit seinen Initiativen die Gesellschaft auf den Pfad einer ‚grünen Moderne‘ (Harald Welzer) führen könnte.

Nicht zu übersehen ist überdies, dass auch eine Postwachstumsgesellschaft kein Himmelreich auf Erden sein würde. Ganz im Gegenteil werden alte Konfliktlinien auch auf dem Weg zur Postwachstumsökonomie von Bedeutung sein, insb. die Frage nach der Wirtschaftssteuerung (liberal vs. ‚staatsdirigistisch‘) und das gesellschaftspolitische Leitbild (libertär vs. ‚autoritär‘). Hinzu kommt die jede Integrität von Veränderungsbewegung herausfordernde Frage, ob die gewünschten Veränderungen eher evolutionär oder revolutionär herbeigeführt werden sollten. Und spezifisch für die anvisierte Postwachstumsgesellschaft kommt die Frage auf, wie schnell und ob überhaupt eine Gesellschaft ohne wirtschaftliches Wachstum realisiert werden soll und gar werden kann. Schon heute ist eine erhebliche Uneinigkeit abzusehen: idealtypisch zwischen auf der einen Seite einem  Lager mit einer eher libertären Gesellschaftspolitik und eher staatsdirigistisch-revolutionären Ansätzen auf der einen Seite und einem eher wirtschaftspolitisch (ord-)liberalem Lager mit evolutionärem Ansatz auf der anderen Seite. Dieses letzte Lager lässt sich gesellschaftspolitisch zudem eher konservativ bzw. rechts ausdeklinieren (Meinhard Miegel, Kurt Biedenkopf) bzw. eher links bzw. libertär (Niko Peach, Harald Welzer).

Soweit so unvollendet! Was also tun? Die Antwort auf diese Frage ist die ‚Modereco-Strategie‘, welche in drei Punkten kurz umrissen werden soll.

Erstens muss die gesellschaftliche ‚Problemwahrnehmung‘ verbessert werden: durch Forschung und Theorie, z.B. zum Zustand der Ökosysteme und zum Technikoptimismus; durch Forschung zu Lösungen und Best-Practices (atmende Haushaltsführung, Institutionen der Selbstbindung des Demos, Institutionalisierung von Generationengerechtigkeit); und natürlich durch Aufklärung in Bezug auf den Technikoptimismus (insb. die häufig in der Diskussion vergessenen, aber sehr wirksamen ‚Reboundeffekte‘ und ‚Verlagerungseffekte‘). Hier tun sich viele Initiativen und Publikation ausgezeichnet hervor.

Zweitens jedoch muss darüber hinaus ein gesellschaftlicher Resonanzboden geschaffen werden. Hier ist der herrschenden Fixierung, nämlich Ökologiefragen mit Verweis auf Innovationen und Politik eine wichtige Perspektive hinzuzugesellen, um einen wichtigen Aspekt zu erweitern: nämlich jene der Lebensstilorientierung. Denn der Blick in das große Feld des Kultur- und Gesellschaftswandels zeigt eines sehr deutlich: Praxis kann man nur durch Praxis ersetzen! Darum ist es sehr bedeutsam, alternative, ein gutes Leben ermöglichende und umweltverträgliche Lebensstile zu entwickeln. Das ist der Humus der Gesellschaftsveränderung: Das Große und Ganze muss so in einer Weise in den Alltag geholt werden, dass es Freude macht, nicht graut, dass es ein Gewinn ist, kein Verlust, dass es mit Tugenden verbindet, nicht nur Laster bekämpfen will. Am besten kann das gelingen, wenn Beispiele guter Praxis probiert und dann aus dem eigenen Umfeld kommuniziert und weiterverbreitet werden. Erst die Aggregation von lokalen Lösungen macht regionale Lösungen und diese dann nationale oder gar globale Lösungen möglich. Von hier aus muss und darf in der Öffentlichkeit agiert werden. Es müssen Diskurse geprägt werden. Dabei ist auch wichtig, jene Milieus mit einzubeziehen, die der Ökologiebewegung fremd gegenüber standen – was dezidiertes Ziel des Modereco e.V. ist.

Drittens wird sich über diese lokale Praxis allenthalben zeigen, an welchen konkreten Widerständen zum Beispiel der weitgehend automobilfreie Alltag, die Fahrradfreundlichkeit, die 2000-Watt-Gesellschaft, also das den Prinzipien ökologischer Nachhaltigkeit verbundene Leben scheitert. Von hieraus muss es zur Politisierung kommen (Was müssen wir von Politikern fordern?), muss es auch zum Impuls an die Wissenschaft und Innovations- und Kreativzentren kommen (Was dürfen wir hoffen?).

Mittelfristig wird es also in unserer pluralistischen Gesellschaft notwendig sein, kontrovers und kritisch zu diskutieren, welche (Post-)Wachstumspolitik es braucht und wie die Mehrheiten organisiert werden können. Dabei werden viele Gefahren lauern, von denen jene der (autoritären) Radikalisierung, der Schismen und des aneinander Zer- und Aufreibens eben die klassischen Gefahren von Reformbewegungen darstellen – wiederum nicht zuletzt deutlich an der Geschichte des Christentums zu sehen. Es besteht darum leider noch kein Grund, von der gemeinsamen Krisen- und Stressdiagnose unserer Umwelt auch auf ein gemeinsames (politisches) Lösungskonzept zu schließen. Idealerweise befassen sich darum mit diesen wichtigen Fragen jene Personen, die auch heute schon Verantwortung in unserem pluralistischen, auf Meinungsstreit basierendem politischen System tragen: nämlich in Parteien und Zivilgesellschaft. Und jene, die nach politischer Macht im Dienste der Postwachstumsgesellschaft schielen, sollten das Kind nicht mit dem Bade ausschütten: denn alles in allem, scheint mir, hat sich visionärer Elan gepaart mit evolutionärer Vorsicht immer ganz gut bewährt. Wird das hochgehalten, kann es in wünschenswertem, gepflegtem Streit um die besten Konzepte in eine bessere Zukunft gehen.