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Wo bitte geht es zur Postwachstumsgesellschaft? – Politischer Wandel zwischen Führung durch Eliten und dem ‚Druck der Straße‘

Gesellschaftsveränderung wird sich gern bildgewaltig vorgestellt: Massen stehen vor den Toren des Palastes, Demonstranten ketten sich an Atommeiler, mit allerlei waffenähnlichem Gerät geht es zum Sturm auf die Bastille. Historisch bedeutsamer ist wohl jedoch der schleichende Wandel, der Wandel aus dem Alltag heraus, der Wandel von unten: Erst in vielen kleinen Initiativen, Alltagshandlungen und Gesprächen wächst sich jenes Potential aus, dass dann zu so dichten Momenten wie den eben beschrieben führt, welche wiederrum weitreichende Veränderungen erzeugen. So war das bei Religionen, besonders beim Christentum; so ist es immer wieder bei der Demokratisierung von politischen Systemen zu beobachten; so war es bei der Gleichstellung der Frauen und der Emanzipation von Minderheiten; natürlich konnte dergleichen sehr eindrucksvoll beobachtet werden, als die Beteiligung und der Schutz von Arbeitnehmern erstritten wurde.

Offenbar gibt es hier ein einheitliches Muster der Problemwahrnehmung, die sich zunächst in lokalen Initiativen und Handeln zeigt. Zuerst wird nicht das politische Pamphlet geschrieben, sondern konkrete Lebenspraxis in Betrieben, Kommunen, Nachbarschaften verändert. Erst hieran schließt sich dann die Formation von politischen Akteuren an, wie etwa Vereine, Gewerkschaften, Parteien. Wenn hierbei eine ‚kritische Masse‘ überschritten wird, lassen sich Probleme wie auch Lösungswege nicht mehr ignorieren. Diese Verbindung aus dem Problem und der Lösung erzeugt jene Suggestivkraft, jene Handlungsvisionen, die das befreiende Gefühl von Alternativen zum Status quo gebären. Nun gibt es eine die betreffenden Probleme wahrnehmende und weitertragende Öffentlichkeit. Es bildet sich gleichsam ein Resonanzboden, dessen verstärkende Kraft machtzuteilende Wirkung entfaltet. Anfangend durch kritische Presseartikel über Demonstrationen bis hin zu Wahlergebnissen und zum Marsch durch die politischen und gesellschaftlichen Institutionen.

Derzeit ist allerdings noch kein Bewusstsein einer möglichen ‚Postwachstumsbewegung‘ zu erkennen; auch an der Schwelle zur politischen Akteursformation stehen dergleichen Bemühungen nur äußerst rudimentär. (Nur die Ökologisch Demokratische Partei hat ein Programm, das zentral und dezidiert von einer Wirtschaft ohne Wachstum handelt.) Diese Arbeiten müssen erst geleistet werden. Darum ist es sehr unterstützenswert, wenn etwa ‚FUTURZWEI.Stiftung Zukunftsfähigkeit‘ mit ihren Almanachen aufzeigt, wer alles wo in welcher Weise mit seinen Initiativen die Gesellschaft auf den Pfad einer ‚grünen Moderne‘ (Harald Welzer) führen könnte.

Nicht zu übersehen ist überdies, dass auch eine Postwachstumsgesellschaft kein Himmelreich auf Erden sein würde. Ganz im Gegenteil werden alte Konfliktlinien auch auf dem Weg zur Postwachstumsökonomie von Bedeutung sein, insb. die Frage nach der Wirtschaftssteuerung (liberal vs. ‚staatsdirigistisch‘) und das gesellschaftspolitische Leitbild (libertär vs. ‚autoritär‘). Hinzu kommt die jede Integrität von Veränderungsbewegung herausfordernde Frage, ob die gewünschten Veränderungen eher evolutionär oder revolutionär herbeigeführt werden sollten. Und spezifisch für die anvisierte Postwachstumsgesellschaft kommt die Frage auf, wie schnell und ob überhaupt eine Gesellschaft ohne wirtschaftliches Wachstum realisiert werden soll und gar werden kann. Schon heute ist eine erhebliche Uneinigkeit abzusehen: idealtypisch zwischen auf der einen Seite einem  Lager mit einer eher libertären Gesellschaftspolitik und eher staatsdirigistisch-revolutionären Ansätzen auf der einen Seite und einem eher wirtschaftspolitisch (ord-)liberalem Lager mit evolutionärem Ansatz auf der anderen Seite. Dieses letzte Lager lässt sich gesellschaftspolitisch zudem eher konservativ bzw. rechts ausdeklinieren (Meinhard Miegel, Kurt Biedenkopf) bzw. eher links bzw. libertär (Niko Peach, Harald Welzer).

Soweit so unvollendet! Was also tun? Die Antwort auf diese Frage ist die ‚Modereco-Strategie‘, welche in drei Punkten kurz umrissen werden soll.

Erstens muss die gesellschaftliche ‚Problemwahrnehmung‘ verbessert werden: durch Forschung und Theorie, z.B. zum Zustand der Ökosysteme und zum Technikoptimismus; durch Forschung zu Lösungen und Best-Practices (atmende Haushaltsführung, Institutionen der Selbstbindung des Demos, Institutionalisierung von Generationengerechtigkeit); und natürlich durch Aufklärung in Bezug auf den Technikoptimismus (insb. die häufig in der Diskussion vergessenen, aber sehr wirksamen ‚Reboundeffekte‘ und ‚Verlagerungseffekte‘). Hier tun sich viele Initiativen und Publikation ausgezeichnet hervor.

Zweitens jedoch muss darüber hinaus ein gesellschaftlicher Resonanzboden geschaffen werden. Hier ist der herrschenden Fixierung, nämlich Ökologiefragen mit Verweis auf Innovationen und Politik eine wichtige Perspektive hinzuzugesellen, um einen wichtigen Aspekt zu erweitern: nämlich jene der Lebensstilorientierung. Denn der Blick in das große Feld des Kultur- und Gesellschaftswandels zeigt eines sehr deutlich: Praxis kann man nur durch Praxis ersetzen! Darum ist es sehr bedeutsam, alternative, ein gutes Leben ermöglichende und umweltverträgliche Lebensstile zu entwickeln. Das ist der Humus der Gesellschaftsveränderung: Das Große und Ganze muss so in einer Weise in den Alltag geholt werden, dass es Freude macht, nicht graut, dass es ein Gewinn ist, kein Verlust, dass es mit Tugenden verbindet, nicht nur Laster bekämpfen will. Am besten kann das gelingen, wenn Beispiele guter Praxis probiert und dann aus dem eigenen Umfeld kommuniziert und weiterverbreitet werden. Erst die Aggregation von lokalen Lösungen macht regionale Lösungen und diese dann nationale oder gar globale Lösungen möglich. Von hier aus muss und darf in der Öffentlichkeit agiert werden. Es müssen Diskurse geprägt werden. Dabei ist auch wichtig, jene Milieus mit einzubeziehen, die der Ökologiebewegung fremd gegenüber standen – was dezidiertes Ziel des Modereco e.V. ist.

Drittens wird sich über diese lokale Praxis allenthalben zeigen, an welchen konkreten Widerständen zum Beispiel der weitgehend automobilfreie Alltag, die Fahrradfreundlichkeit, die 2000-Watt-Gesellschaft, also das den Prinzipien ökologischer Nachhaltigkeit verbundene Leben scheitert. Von hieraus muss es zur Politisierung kommen (Was müssen wir von Politikern fordern?), muss es auch zum Impuls an die Wissenschaft und Innovations- und Kreativzentren kommen (Was dürfen wir hoffen?).

Mittelfristig wird es also in unserer pluralistischen Gesellschaft notwendig sein, kontrovers und kritisch zu diskutieren, welche (Post-)Wachstumspolitik es braucht und wie die Mehrheiten organisiert werden können. Dabei werden viele Gefahren lauern, von denen jene der (autoritären) Radikalisierung, der Schismen und des aneinander Zer- und Aufreibens eben die klassischen Gefahren von Reformbewegungen darstellen – wiederum nicht zuletzt deutlich an der Geschichte des Christentums zu sehen. Es besteht darum leider noch kein Grund, von der gemeinsamen Krisen- und Stressdiagnose unserer Umwelt auch auf ein gemeinsames (politisches) Lösungskonzept zu schließen. Idealerweise befassen sich darum mit diesen wichtigen Fragen jene Personen, die auch heute schon Verantwortung in unserem pluralistischen, auf Meinungsstreit basierendem politischen System tragen: nämlich in Parteien und Zivilgesellschaft. Und jene, die nach politischer Macht im Dienste der Postwachstumsgesellschaft schielen, sollten das Kind nicht mit dem Bade ausschütten: denn alles in allem, scheint mir, hat sich visionärer Elan gepaart mit evolutionärer Vorsicht immer ganz gut bewährt. Wird das hochgehalten, kann es in wünschenswertem, gepflegtem Streit um die besten Konzepte in eine bessere Zukunft gehen.

Was zum Maßhalten gehört…

Die ‚Positive Psychologie‘ als Inspiration zu einem nachhaltig guten Leben

Arthur Schopenhauer (1788-1860) war in Bezug auf das menschliche Glück Pessimist. Für ihn war das Beste, was uns gelingen könnte, die Vermeidung von Unglück. Er war – dabei sehr buddhistisch inspiriert – der Auffassung, dass Welt, Wille und Vorstellung am besten nicht in Konflikt geraten sollten. Und da wir – wie Schopenhauer fand – die Welt schwer ändern könnten, wäre es besser, die eigenen Vorstellungen und somit den Willen an diese anzupassen. Akzeptanz statt sinnloser Jagd nach einem oft nur labilen Glückszustand – so könnte sein Motto gelautet haben. Ganz konsequent resümierte Schopenhauer dann auch über seine Philosophie : sie hätte ihm zwar nix eingebracht, doch immerhin vieles erspart!

Offenbar war dies auch die Devise der Psychologie – zumindest bis vor wenigen Jahren. Gemeinhin war die Psychologie nämlich immer daran orientiert, psychische Auffälligkeiten und Krankheiten zu erkennen, zu beschreiben, diagnostisch handhaben zu können und schließlich zu kurieren. Daran war natürlich nichts falsch. Aber einige Fachvertreter fragten sich, ob sie nicht vielleicht auch ganz anders herangehen könnten: Was nämlich könnten Merkmale nicht nur psychischer Krankheit, sondern – im Gegenteil – psychischer Gesundheit sein? Was kann hierfür getan werden? Wie können solche Eigenschaften ausgeformt werden? Ausdrückliches Ziel war nun nicht Heilung von pathologischen Zuständen, sondern ‚Wohlgefühl‘ (‚well being‘), ‚Lebenszufriedenheit‘ (‚life satisfaction‘), gar ‚Glück‘ (‚happiness‘) und geradezu das Aufblühen (‚flourishing‘) der Seele. Auf diese Weise entstand die ‚Positive Psychologie‘ – gewissermaßen als antithetisches Seitenstück der an Krankheitsbildern orientierten herkömmlichen Psychologie.

Wovon also hängt ab, wie die eben angesprochenen positiven Seelenzustände, etwa der Lebenszufriedenheit oder es Aufblühens, erreicht werden? Dabei verfielen Martin P. Seligman und Christopher Peterson, zwei ‚Positive Psychologen‘ der ersten Stunde, auf den antiken und prominent von Aristoteles vertretenen Einfall, dass Glück durch die Entfaltung von Tugenden erreicht werden könnte. Aristoteles und die Seinen glaubten, dass Glück, sie nannten es die Eudaimonia, nur im tätigen Leben erreicht werden konnte. Wie Seligman und Peterson in ihrem Buch ‚Character Strength and Virtues: A Handbook and Classification‘ zeigen, lassen sich sogenannte Tugendkataloge in vielen prominenten Hochkulturen und Religionen finden. Obwohl teils anders benannt und im Einzelnen durchaus verschieden beschrieben, kommen sie auf die folgenden sechs, interkulturell geteilten Tugenden: Weisheit, Mut, Humanität, Gerechtigkeit, Hinwendung zum Transzendenten, und – tataa! – Mäßigung.

Jede dieser sechs ‚Kardinaltugenden‘ lässt sich nun weiter in verschiedenen Charakterstärken untergliedern. Bei der Mäßigung wäre dies Vergebung und Gnade (‚forgiveness and mercy‘), Bescheidenheit und Demut (‚humility / modesty‘), Besonnenheit im Sinne einer vorausschauenden Klugheit (‚prudence‘) und Selbstdisziplin (‚self-regulation, self-control‘). Diese Charakterstärken können nun wiederum für die psychologische Forschung so konkretisiert werden, dass mittels Fragebögen nicht nur ermittelt werden kann, wie stark sie bei konkreten Persönlichkeiten ausgeprägt sind. Darüber hinaus können Aussagen darüber getroffen werden, wie diese Charakterstärken erreicht, verbessert und eingeübt werden können. Nicht zuletzt lässt sich damit natürlich klären, ob die aristotelische Vorstellung eigentlich mit den Tatsachen übereinstimmt: dass nämlich die Ausbildung dieser Tugenden und Charakterstärken irgendwie mit Glück, Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit zu tun haben.

Die zentrale Hypothese für eine Praxis der Nachhaltigkeit ist dabei offenbar die folgende: Das gute, das zufriedene und aufblühende Leben von Individuen braucht nicht nur den anderen Menschen, die Gemeinschaft, sondern es gilt auch: Nachhaltig lebt es sich oft besser!

Buchtipps:

Martin P. Seligman (2012), Flourish – Wie Menschen aufblühen: Die Positive Psychologie des gelingenden Lebens. München: Kösel-Verlag. Gut lesbare, populärwissenschaftliche und vor allem inspirierende Einführung in die Positive Psychologie.

Peterson, Christopher / Seligman, Martin P. (2004): Character Strengths and Virtues: A Handbook and Classification. Washington D.C., New York: American Psychological Association; Oxford University Press. Der Klassiker des Character-Strength-and-Virtues-Ansatzes; wissenschaftlich geschrieben und überaus umfassend; leider schon elf Jahr alt, aber immer noch unverzichtbar für alle, die es ganz genau wissen wollen.

Niemiec, Ryan M.; Wedding, Danny (2014): Positive Psychology at the Movies 2: Using Films to Build Character Strengths and Well-Being. 2 nd. Edition. Boston, Mass.: Hogrefe. Die aktualisierte Auflage des Klassikers (Positive Psychology at the Movies); hierbei handelt es sich um einen Filmführer der konsequent an den Tugenden und Charakterstärken orientiert ist; die jeweiligen einführenden und leicht verständlich geschriebenen Erläuterungen der Charakterstärken machen es auch als Einführung in den gesamten Ansatz empfehlenswert; mit Empfehlungen, was zur Ausbildung der jeweiligen Charakterstärken individuell geübt und getan werden kann.

Niemiec, Ryan M. (2014): Mindfulness and character strengths. A practical  guide to flourishing. Boston, Mass.: Hogrefe. Wer sich mit Achtsamkeitsmeditationen auskennt, wird hier Möglichkeiten finden, diese mit den Character-Strength-and-Virtues-Ansatz zu verbinden: Achtsamkeit zum Training der Charakterstärken. Darüber hinaus ist es eine gute Einführung in beide Ansätze.

Authentic Happines Web Site der Penn University of Pennsylvania, https://www.authentichappiness.sas.upenn.edu/. Nach Anlage eines Accounts ist – unter anderem – der Test ‘VIA Survey of Character Strengths’ möglich: Bei ihm worden die typischen Charakterstärken der Testperson ermittelt (in der Regel vier bis fünf aus dem Portfolio von insgesamt 24). Der Test dauert ca. eine halbe Stunde; eine Auswertung erfolgt kostenfrei direkt im Anschluss; detaillierte Auswertungen und maßgeschneiderte Verbesserungsvorschläge sind kostenpflichtig; auch viele weitere kostenlose Tests aus der positiven Psychologie sind möglich – abgestimmt auf das empfohlene Buch von Martin P. Seligman.

Weniger ist mehr

Ein ökologisch nachhaltiger Lebensstil bedeutet oft, einen recht minimalistischen Lebensstil zu pflegen. Dies umzusetzen ist manchmal schwierig. Oft glaubt man schließlich,  vielleicht noch dieses Teil oder jenes Stück zu brauchen – vielleicht nicht immer jetzt, aber sicher: bald! Schnell häufen sich so Unmengen von Dingen an, die man oft gar nicht benötigt. Und manchmal hat man ja kaum eine Wahl: Wenn die Oma das zehnte Küchengerät schenkt, das sich zwar weder gewünscht wurde, noch benötigt wird. Es einfach wegzuschmeißen oder es gar zurückzugeben wird den wenigsten einfallen.

Also: Wie um Himmels willen werde ich die angehäuften Dinge wieder los?.  Wohin mit dem Krempel? Wie sortiere ich vernünftig aus?

Von Freunden, Bekannten und aus Blogs kenne ich folgende drei Möglichkeiten:

1.    Zimmer für Zimmer ausmisten;

2.    Jeden Tag ein bisschen was ausmisten;

3.    Für jedes neu angeschaffte Ding zwei Dinge wegwerfen (oder weggeben bzw. verkaufen).

Wer welche Methode bevorzugt, hängt wohl sehr vom Charakter ab. Ich finde zwar die dritte Möglichkeit sehr attraktiv:  Sie stellt schließlich unumstößlich sicher, dass der Bestand in der Wohnung kleiner wird. Aber ich bin nicht der Typ dafür. Ich bevorzuge eher die erste oder zweit Strategie – oder irgendwas dazwischen.

Um zu entscheiden, was ich behalten möchte, stelle ich mir meist folgende Fragen:

Brauche ich das? Habe ich das im letzten Jahr benutzt? Hänge ich daran?

Die letzte Frage zielt auf geliebte „Erinnerungsstücke“. Jeder kennt Dinge, die absolut nutzlos sind, aber an denen sein Herz hängt. Sollte man dazu neigen, solche Dinge in Massen anzuhäufen, kann man sich auch selbst ein Limit setzen und dann aussuchen, welche dieser Dinge einem am wichtigsten sind. Ich habe z.B. einen kleinen Karton mit solchen Erinnerungsstücken im Schrank stehen. Ich schaue dort zwar jahrelang nicht rein und brauche auch nichts davon, trotzdem würde ich mich nicht davon trennen wollen.

Eine Möglichkeit für solche Dinge, die einem wichtig sind, die man aber nicht braucht, ist auch das verleihen an Freunde. Vielleicht benötigen diese gerade den heißgeliebten Raclette-Grill, der unmöglich verkauft werden kann,  jedoch so selten genutzt wird.

Die Entscheidung, ob man ein Teil tatsächlich braucht, ist sicher subjektiv. Für den einen ist das Waffeleisen unverzichtbar, der andere käme nie auf die Idee, eines zu benutzen. Wie sehr man selbst die Dinge benötigt, lässt sich tatsächlich leicht feststellen, indem man sich fragt,  wie oft es im letzten Jahr benutzt wurde oder ob es im kommenden Jahr voraussichtlich benutzt wird. Schaue ich mich zum Beispiel auf meinem Schreibtisch um, sehe ich drei Textmarker, die wohl nie wieder zum Einsatz kommen werden. Zwei davon können wohl ihre letzte Reise antreten (und der dritte wird vermutlich eintrocknen…). Außerdem sehe ich ein kleines Karteikartensystem, das mir in der Unizeit gute Dienste geleistet hat: Doch alles, was ich jetzt auswendig lerne, sind Busfahrpläne, und dazu brauche ich keine Karteikarten.

Hat man festgestellt, was wirklich weg kann, stellt sich nun allerdings auch schon die Frage, wie ich das ganze Zeug denn jetzt los werde. Wegschmeißen ist nicht sehr nachhaltig, vor allem, wenn die Stücke noch funktionstüchtig sind. Doch deswegen muss ich die Sachen ja nicht gleich behalten! Folgende Möglichkeiten nutze oder kenne ich:

1.    Ist das Stück etwas wert? Dann verkaufe ich es über Kleinanzeigen (z.B. eBay Kleinanzeigen). Mein Geldbeutel freut sich und jemand anders freut sich auch.

2.    Kenne ich jemanden, der das brauchen könnte? Dann gebe ich es weg, oder ich gebe es als Dauerleihgabe ab.

3.    Sind es Bücher? Dann versuche ich, einen Ort zu finden, an dem ich kostenlos Bücher abgeben kann. In der Dresdner Neustadt hängt z.B. am Grüntal auf der Kamenzer Straße ein kleiner Kasten, in dem man Bücher abgeben kann. Ein anderer kann sie dann herausnehmen und mitnehmen. Oder: Wenn man mehr Zeit zum vorbereiten hat, kann man Bookcrossing nutzen. In manchen Städten gibt es auch öffentliche Bücherschränke. Alternativ kann man die Bücher auch über reBuy oder momox verkaufen. Allerdings bekommt man für die meisten Bücher nicht viel und hat stattdessen den Aufwand, ein Päckchen packen  und zur Post bringen zu müssen.

4.    Sind es sinnvolle Dinge des häuslichen Bedarfs? Wir haben z.B. zu Weihnachten neue Gläser geschenkt bekommen, haben jetzt aber zu viele und einige davon würde ich gern weggeben. In Dresden gibt es ein Soziales Kaufhaus, in dem bedürftige Bürger kostengünstig einkaufen können. Dort werde ich die Gläser hinbringen.

5.    Ist es Kleidung? Die kann ich in Second Hand-Läden abgeben oder über Kleiderkreisel verkaufen.

6.    Und was mache ich mit Sachen wie Textmarkern und Karteikästen? Nun, entweder verschenke ich es über Kleinanzeigen oder ich nutze das „Austauschfensterbrett“ bei Freunden. Diese haben im Treppenhaus ein Fensterbrett auf dem genau solche Dinge hingestellt werden können; wer etwas davon braucht, kann es einfach mitnehmen. In der Dresdner Neustadt ist es auch üblich, solche Dinge in Kisten auf die Straße zu stellen.

7.    Falls es selbst dafür zu kaputt ist, kommt es wohl doch in den Müll.

Vielleicht hilft es jedoch auch, wenn man sich einmal grundstäzlich Gedanken über ein minimalistisches Leben macht. Ich versuche mir immer vorzustellen, wie meine Kinder nach meinem Ableben die Wohnung ausräumen müssen und einen Haufen unnützen Krempel einfach wegschmeißen müssen. Da sorge ich doch lieber schon zu Lebzeiten dafür, dass ich mich nur mit Dingen umgebe, die ich wirklich benötige. Wenn wir mal wieder umziehen sollten, müssen wir weniger Kisten schleppen. Und aus eigener Erfahrung weiß ich, dass die Dinge, die man wirklich benötigt, meist in zwei große Koffer passen.Je weniger Zeug man hat, desto leichter ist es auch, alles in Ordnung zu halten. Und zu guter Letzt: War Minimalismus nicht eigentlich eine der großen Innovationen der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts? Ästhetik und Nachhaltigkeit gehen für mich Hand und Hand: Ist doch chic, in einem wohlsortierten Haushalt zu leben, umgeben von Dingen, die nützlich sind, ohne den ganzen Ballast der Überfüllung.

Weihnachtsgeschenke einmal anders

Enkeltauglich im Alltag? Kein Problem! Viele Ratgeber geben uns Anregungen, wie wir durch kleine Gewohnheitsänderungen nachhaltiger leben können. Aber wie sieht es außerhalb unseres Alltags aus? Nachhaltigkeit an Geburts- und Feiertagen erscheint als eine besondere Herausforderung. Hier finden Sie Vorschläge für ein enkeltaugliches Leben auch zu besonderen Anlässen. Dieses Mal: Weihnachten!

Weihnachten steht vor der Tür – und damit die Zeit des Beschenkens. Im christlichen Glauben wird über die zahlreichen Gaben an die Geburt Jesus‘ – das Geschenk Gottes – erinnert. Unabhängig von der Religion werden zu Weihnachten überall Geschenke ausgetauscht. Aber vielen Menschen sind die Geschenke eigentlich gar nicht so wichtig: Bedeutsam ist vielmehr, mit der Familie zusammen zu sein und sich wieder Zeit für einander zu nehmen. Manche betrachten auch die vorweihnachtliche Zeit als etwas ganz Besonderes: Schon die Vorfreude als die schönste aller Freude gehört zum Weihnachtsfest dazu.

Doch die Geschenke können manchmal die Vorweihnachtszeit ein wenig trüben. Gerade dann, wenn man kurz vor Weihnachten noch einmal in die Stadt zum Einkaufen muss: In den Läden wird es ungemütlich; die Leute hasten von einem Geschäft zum nächsten. Der Konsumwahn hat uns wieder einmal fest im Griff und lässt uns den eigentlichen Grund, warum wir Weihnachten feiern, vergessen.

Doch Geschenke gehören nun einmal zum Weihnachtsfest dazu. Was gibt es für Alternativen, die uns ein wenig den Stress beim Einkaufen nehmen, uns etwas achtsamer für die wirklich wichtigen Dinge machen, und vielleicht sogar nachhaltig sind?

1)    Zunächst könnte die Anzahl der Geschenke reduziert werden. Manchmal reicht nur eine kleine Aufmerksamkeit, um den anderen eine Freude zu machen. Das Wichteln entlastet vor allem bei großen Familien und Freundeskreisen: Jeder beschenkt nur eine zufällig ausgewählte Person. Diese bekommt dann ein Geschenk, auf das der Schenkende all seine Mühen und Kreativität konzentrieren konnte.

2)    Eigene Geschenke herzustellen (v. a. gemeinsam mit Freunden), kann einem in der Adventszeit viel Freude bereiten. Am einfachsten ist es, ein eigenes Talent zu nutzen: Wer gut backen oder kochen kann, beglückt seine Mitmenschen mit Köstlichkeiten aus der Küche (z. B. Geschenkideen aus der Küche oder hier). Strick- und Nähmeister können mit besonderen Stoffen und schöner Wolle schöne Aufmerksamkeiten herstellen (z. B. von Stoff und Stil). Für Hobbyfotografen bietet es sich an, ein neues Familienfoto für alle zu schießen. Bastelfreunde könnten sich an individuellen Weihnachtskarten probieren. Weitere Ideen finden sich bei Utopia (hier oder da). Zwar nicht eigene, aber trotzdem handgefertigte Besonderheiten finden sich auch auf dem Fairen Weihnachtsmarkt in Dresden.

3)    Ein gutes Geschenk ist auch einfach „Zeit“: Noch ein weiteres Kinderbuch für den Neffen? Verschenken Sie lieber einen Gutschein für ein wöchentliches Vorlesen. Weitere Ideen finden sich bei Zeit statt Zeug.

4)    Es gibt auch viele Geschenke, die gleichzeitig die Welt ein kleines bisschen besser machen. Gerade diejenigen, die schon alles haben und nicht noch mehr wollen, wissen solche Aufmerksamkeiten zu schätzen. Ideen findet man bei Utopia (hier oder hier) oder beim Naturschutzbund Deutschland.

5)    Wem die bisherigen Alternativen nicht zusagen, der kann zumindest die Verpackung etwas nachhaltiger gestalten. Schöne Gläser und Flaschen eignen sich gut für Leckereien wie Pralinen, feine Öle oder Tees. Diese kann man in den meisten Feinkostläden selbst mitbringen und sich das Gewünschte abfüllen lassen. Bilder von alten Zeitschriften eignen sich gut für Beschriftungsetiketten. Bücher und Kalender lassen sich prima mit Zeitungspapier einschlagen und mit Bildern und Papierschleifen verschönern.

Ganz stressfrei wird die Vorweihnachtszeit vermutlich nicht verlaufen. Aber es tut auf jeden Fall gut, sich auf das Wesentliche an Weihnachten zu besinnen: Lieber wenige, aber dafür sinnvolle und persönliche Geschenke zum Fest der Dankbarkeit und Liebe. Das tut dann nicht nur uns gut, sondern auch unserer Umwelt.

Nachhaltiger Konsum?

Selten genutzte Kuchen- und Muffinform
Selten genutzte Kuchen- und Muffinform

Den gibt es nicht! Entgegen aller Werbestrategien über tolle Ökosachen, biologisch angebaute Ressourcen, biologisch abbaubare Abfälle und nachhaltig hergestellte Kleidung kann es keinen nachhaltigen Konsum geben. Das alles benötigt nämlich: Ressourcen.

Wir sind vor kurzem umgezogen. Und dabei wurde mir wieder deutlich bewusst, wie viel Zeug wir doch haben. Für unseren Drei-Personen-Haushalt haben wir unzählige Kisten benötigt. Was zum Geier ist da nur alles drin? Ich habe während des Studiums ein halbes Jahr im Ausland verbracht. Alles, was ich wirklich benötigt habe, hat in einen großen Koffer gepasst. Zugegeben, da war kein Küchenzeug dabei und auch Bettzeug (also Decke und Kissen) habe ich aufgrund des Platzmangels nicht mitgenommen. Warum also besitzen wir so viele Dinge? Und warum ist es „schlimm“ so viele Dinge zu besitzen? Und was gibt es für „Auswege“?

Zuerst die einfachere Frage: Warum ist es gut, wenig zu besitzen? Weil es Ressourcen benötigt. Hier ein Beispiel: In unserem Haus wohnen sechs Parteien. Alles junge Familien, man kennt sich, trifft sich im Garten, die Kinder spielen miteinander. Wie viele Grills werden wir wohl benötigen? Theoretisch nur einen. Denn sollten tatsächlich mehrere Parteien grillen wollen, grillen wir sowieso zusammen. Und wie viele Waschmaschinen benötigen wir? Gut, mehr als eine (es fällt doch viel Wäsche an), aber braucht wirklich jeder Haushalt eine eigene? Was ist mit Bohrmaschinen? Oder den Muffin-Backformen? Oder den Gästematratzen? Oder den Autos, die 23 Stunden am Tag rumstehen? Statt jedoch sich in diese Dinge reinzuteilen oder sie untereinander zu verleihen, hat jeder Haushalt etwas Eigenes. Können wir uns ja leisten! Und so gibt es keinen Streit, wenn die Backform vom Nachbarn nicht so sauber hinterlassen wird, wie man selbst es gern hätte. Aber alle diese Dinge wurden aus Rohstoffen hergestellt, die ja irgendwo herkommen. Viele dieser Gegenstände werden außerdem nicht bis zum Ende ihrer Lebensdauer genutzt, sondern oft vorher weggeschmissen. Kurz, es ist Verschwendung, Dinge zu besitzen, die man nicht wirklich regelmäßig benutzt (siehe: Bild oben "selten genutzte Kuchen- und Muffinform").

Warum nun besitzen wir so viel Zeug? Da hilft vielleicht der Versuch, zu analysieren, was wir besitzen, aber nicht benutzen. Fangen wir doch mal mit der Küche an. Wir hatten eine Küche mit wenig Stauraum. Trotzdessen haben wir bei unserem Umzug fünf große Kartons mit Geschirr, Töpfen, Plastikdosen gefüllt. Vieles davon ist in täglicher Benutzung. Backformen jedoch nicht. Plastikdosen haben wir auch sehr viele. Und Schüsseln. Davon abgesehen, geht es einigermaßen. 

Weiter mit dem Schlafzimmer: Da ist „überflüssig“: meine Unmengen Sport-T-Shirts, die es zu jedem noch so kleinen Schwimm- oder Sportfest gibt. Und jedes Jahr kommen neue hinzu. T-Shirts, die man nie anzieht: Welcher Erwachsene läuft damit draußen rum? Und so viele „Nachthemden“ kann auch keiner anziehen, wie ich T-Shirts habe. Umnutzung fällt also auch aus.

Außerdem haben wir eine kleine Campingausrüstung. Ein Drei-Mann Zelt, drei Schlafsäcke, zwei Isomatten. Wie oft werden die genutzt? Die Isomatten öfter, doch die restliche Ausrüstung war das letzte Mal letzten Sommer im Einsatz. Außerdem haben wir ca. zwei große Kisten Weihnachtsdeko im Schlafzimmer verstaut (wir haben einen feuchten Keller…): Vermutlich ist auch das mehr, als wir je aufstellen werden.

Das Kinderzimmer ist weitgehend frei von Dingen, die nicht genutzt werden. Dank der verliehenen Kleidung!

In unserem Wohnzimmer stehen drei Bücherschränke. Gut gefüllt. Wie viele Bücher kann ein Mensch gleichzeitig lesen? Richtig, genau eins. Vor allem aber: Wie oft liest man die meisten Bücher? Richtig, ein Mal. Warum also besitzen wir diese ganzen Bücher? Richtig, ich habe keine Ahnung… Von Büchern abgesehen, haben wir im Wohnzimmer noch einige Brettspiele, Bastel- und Nähsachen (inkl. Nähmaschine, die immerhin geliehen ist) und einige Ordner mit Dokumenten, von denen manche mehr, manche weniger wichtig sind.

Unser zweites Kinderzimmer (bald erst einmal Gästezimmer, bis jetzt Rümpelkammer) ist noch vollgepackt mit Kisten. Manchmal suchen wir etwas in diesen Kisten. Aber nicht oft. Offensichtlich sind in diesen Kisten Dinge, die wir nicht brauchen.

Wir besitzen also viel Zeug, weil wir es gelegentlich gern benutzen (Campingausrüstung, Brettspiele, Nähzeug und Weihnachtsdeko). Oder weil es uns „aufgezwungen“ wird (im Falle der Sport-T-Shirts). Oder weil es so üblich ist (im Falle der Bücher).

Was können wir dagegen tun? Wir können einige Dinge sicherlich gut verleihen. Dazu gehören Dinge, die man nur beim Umzug benötigt, Malerzeug oder Bohrmaschine. Oder eben unsere Campingausrüstung. (Gut, die Schlafsäcke vielleicht nicht unbedingt, aber Zelt und Isomatten auf jeden Fall.) Brettspiele kann man sich auch in Bibliotheken ausleihen. Oder mit Freunden, mit denen man öfter spielt, zusammenlegen. Bücher kann man sich ebenso aus der Bibliothek ausleihen. Um das also einmal zusammenzufassen: Leihen und Verleihen und gemeinsame Nutzung einiger Gegenstände würde uns viel viel weiter bringen.

Kann das funktionieren? Weitestgehend schon. In jeder WG wird tagtäglich demonstriert, dass man sich Waschmaschinen und auch Küchengeräte und -geschirr teilen kann. Natürlich gibt auch einmal Streit, aber anscheinend ist das nicht so schlimm, dass keiner mehr in einer WG wohnen möchte. Gemeinschaftswaschmaschinen sind in einigen Mietshäusern auch üblich, meist jedoch eher als „Notlösung“. Es gibt keinen triftigen Grund, warum das nicht Standard werden sollte. Leihen und Verleihen ist schon unüblicher. Bibliotheken funktionieren gut, im Freundeskreis wird getauscht. Aber die Bohrmaschine einem Unbekannten überlassen? Hier könnte man zumindest anfangen, innerhalb der Familie solche großen Geräte gemeinschaftlich zu kaufen. In einigen Familien funktioniert das sehr gut. Wer weit weg wohnt oder keine Familie hat, kann sich mit Freunden arrangieren. Da man den Nutzer kennt, geht man sicherlich auch mit den geliehenen Dingen sorgsamer um.

Und was mache ich jetzt, wenn mir Freitagmittag einfällt, dass ich gern noch ein Regal aufhängen möchte, aber meine Bohrmaschine leider verliehen habe? Richtig: Ich warte einfach bis Samstag. Es muss nicht immer alles sofort geschehen. Wir brauchen diese ganzen Gegenstände nicht, um glücklich zu sein. Der Besitz einer Malerrolle oder eines Zeltes macht mich kein bisschen glücklicher. Im Gegenteil. Je mehr Zeug ich habe, desto mehr Zeug muss gewartet werden, und je mehr das alles da ist, umso mehr kann ich es theoretisch jederzeit gebrauchen. Multioptionsstress, nennt man das wohl.

Also, nicht kaufen, sondern leihen. Und Dinge, die schon gekauft sind, fleißig weiterverleihen. Und vor dem Kauf der nächsten Backform einfach mal fragen, ob man diese wirklich benötigt oder sie nur Platz wegnimmt und man die wunderhübschen herzförmigen Kuchen nicht lieber dann und wann in der Konditorei kauft.

Mäßigung, Verzicht und der ‚innere Schweinehund‘ – ein enkeluntauglicher Teufelskreis?

Dass Mäßigung langfristig nichts Schlechtes sein muss, wird selten bestritten und erscheint längst nicht nur dem Gebildeten wie eine Binsenweisheit. In Form vieler medizinischer Zusammenhänge schlägt uns dies allenthalben entgegen: Iss und trink weniger! Hör‘ auf zu rauchen! Weniger Stress! Beweg‘ Dich mehr!

Wir vernehmen dabei eine unselige Schwingung: Zwar wird es uns besser gehen, wenn wir Maß halten; doch leider scheint das überhaupt keinen Spaß zu machen. Schon wenn wir solche Mahnungen hören oder lesen, denken wir an nichts als Verzicht. Es spannt sich uns der Nacken an und es regen sich in uns allerlei Widerstände, kurzum: Es erwacht der berühmte innere Schweinehund – den wir fürchterlich finden, auf den wir nicht selten wütend werden könnten, und dem wir doch nicht Herr werden: Führt uns aber Mäßigung unabwendbar in solche Verzichtgefühle und in einen wenig aussichtsreichen Kampf mit diesem berühmten inneren Geschöpf: dem Schweinehund?

Welche starken Seelenkräfte hier am Werk sind, das zeigt sich auch daran, dass die Mäßigung immer schon eine Aufgabe der Königsdisziplin, der Philosophie, war: und zwar mindestens seit Aristoteles im 4. Jahrhundert vor Christus und dann – wieder – sehr zentral über 1500 Jahre später im Denken von Thomas von Aquin. Mäßigung war also nichts, dass nicht des intensiven Nachdenkens für Wert befunden wurde. Dies zeigt sich auch bei Durchsicht der – oft sehr viel älteren – Mythen (z.B. aus der griechischen Mythologie die Geschichte vom König Midas), den biblischen Geschichten (z.B. der Turmbau zu Babel) und so manches Volksmärchen (z.B. jenes vom Fischer und seiner Frau). Diese sind voll von Lehrbeispielen darüber, was mit jenen passiert, die es an ausreichend Mäßigung vermissen lassen. Sehr oft muten die Helden (und sogar so manche Götter) sich und den Mitmenschen mehr zu, als gut für sie ist; selten gelingt es offenbar, selig zu werden mit dem, was beschieden ist; und immer wieder erheben sich die Irdischen über die göttlichen Gebote und die göttliche oder auch natürliche Ordnung. Dabei zahlen die Helden oft einen sehr hohen Preis: Unglück, Tod und Verdammnis, wenigstens jedoch beschwerliche Umwege, dramatische Handlungsverläufe oder hohe Verluste an Mensch und Material.

Tatsächlich also scheint uns Menschen Mäßigung nicht gegeben zu sein, geradezu erscheint sie als Problemtugend: Alle Geschütze der abendländischen Kultur, von rationaler Philosophie über allerlei religiöse Kulte bis hin zu lehrreichen Mythen und Geschichten müssen gegen die Maßlosigkeit aufgefahren werden, um ihr Geltung zu verschaffen – augenscheinlich selbst trotz all dessen nur zu bescheidener Geltung! Und folglich ist man leicht versucht, sich durchaus verzweifelt zu fragen: Wie ist doch die Welt nur unsinnig eingerichtet: dass wir wollen, was schlecht für uns ist; und wir leiden, wenn wir das Begehrte tun?

Doch dieser Befund ist nur eine – wenn auch sehr populäre – Seite der Medaille; sie bestimmt leider den öffentlichen Diskurs um jedes Maßhalten. Entsprechend gering steht sie im Kurs und scheint allenfalls für Sonntagsreden zu taugen, nicht jedoch für die profanen Mühen der Ebene: den Alltag, die Lebensführung, gar die Politik in der Demokratie. Dabei war und ist kein Unsinn, die Mäßigung immer auch als eine Tugend zum Glück zu verstehen. Sogar kann – so die die These – man in dem Maße glücklich werden, wie man (auch) diese Tugenden zur Entfaltung zu bringen vermag. Für Aristoteles waren konkret vier Tugenden bedeutsam, deren Entfaltung er für Glück unabdingbar sah, nämlich die ‚Kardinaltugenden‘: die  Weisheit, die Gerechtigkeit, der Mut, und ebene jene der Mäßigung. Die ‚Positive Psychologie‘ entdeckt diese Zusammenhänge heute neu und erforscht sie  jenseits philosophischer Spekulationen. Im Unterschied zum oben ausgeführten Spannungsverhältnis zwischen dem Guten im Jetzt und dem Schlechten in der Zukunft (jene Vorstellung also aus dem sich nicht nur der Schweinehund, sondern auch unser Zwist mit ihm nährt), kann Verzicht und Mäßigung als eine unmittelbare Steigerung bzw. Bewahrung der hier und jetzt erlebten ‚subjektiven Lebenszufriedenheit‘ bzw. des ‚Well-beings‘ verstanden werden. Der deutsche Philosoph Martin Heidegger stellte sogar in Vorwegnahme der Kernbotschaft allerlei Bestseller vom Schlage des ‚Simplify-Your-Life-Ansatzes‘ so dar: „Der Verzicht nimmt nicht. Der Verzicht gibt. Er gibt die unerschöpfliche Kraft des Einfachen.“

Deutlich wird der Zusammenhang aus Mäßigung und einem Zugewinn an Glück und Zufriedenheit auch dann, wenn man sich auf die Suche nach dem ‚rechten Maß‘ begibt. Hier herrscht oft Ratlosigkeit, zumindest jedoch Uneinigkeit darüber, woran man Maß nehmen soll und wie man dies nicht nur für Einen, sondern für Tausende oder gar Millionen zweifelsfrei festsetzen könne. Aristoteles meinte, dieses Problem mit der Kategorie der Mitte lösen zu können: Maß nimmt man an der Mitte. Das erscheint zwar als ein hilfreicher Gedanke, denn Maßlosigkeit kann sehr wohl auch im Zuwenig liegen (etwa zu wenig Bewegung für unsere evolutionsbedingt bewegungsbejahenden Körper). Doch ergibt sich die Mitte wiederum aus den abgemessenen Extremen – was das Problem des rechten Maßes auf diese Weise also nur verschiebt, nicht jedoch löst.

Einen gewissen Ausweg bietet im 21. Jahrhundert vielleicht – wie schon beim evolutionsbedingt bewegungsaffinen menschlichen Körpers angedeutet – die Natur selbst, gerade eben auch die menschliche Natur: Wer mehr an sich und der Welt verbraucht, als er selbst und die Welt zu regenerieren und verarbeiten fähig ist, hat offenbar das Maß verloren. Zwar mag man einwenden, dass die Grenzen der Regenerations- und Verarbeitungsfähigkeit nicht universell sind, insofern auch nicht für allgemeine Gesetze taugen. Doch wird man andererseits nicht bestreiten können, dass die Grenzüberschreitung an sich weniger spekulativ, ja geradezu ein individuelles Erfahrungswissen darstellt. Deutlich wird dies etwa beim Blick auf unseren Umgang mit Objekten, die für unsere Freizeit bestimmt sind und die für viele von uns Bestandteile eines ‚guten Lebens‘ sind: Zwar können wir noch allerhand Bücher, CDs und DVDs besorgen, doch nicht mehr in diesem Umfang lesen, hören oder anschauen; Fahrräder, Autos, Motorräder können gekauft, jedoch nicht mehr bewegt werden; Zimmer mit feinen Möbeln können ausstaffiert, diese allerdings nicht mehr bewohnt werden; Orte mag man wechseln, sie können jedoch nicht mehr als Heimat in Besitz genommen werden. Zu Recht nennt man dergleichen etwa ‚Konsumverstopfung‘ (Niko Paech) oder ‚Freizeitstress‘. Die Mäßigung macht es uns möglich, auf das Maß unserer Genussfähigkeit zurückzufinden und so die positiven, aus der Achtsamkeit entspringenden Erfahrungen zu machen, die mit den geliebten Objekten unserer ganz persönlichen Kultur- und Naturwelt verbunden sind. Maßhalten schafft also erst wieder jene Räume entschleunigter Einfachheit, die für positive Erfahrungen notwendig sind. Maßhalten ist darum kein Spielverderber, sondern gleichsam ein Raumgeber des Glücks.

Die Anzeichen dafür, dass unser Verhalten auch in dem Sinne Mäßigung braucht als wir es dem Maß der Regenerationsfähigkeit der Erde anpassen müssen, verdichten sich: weil insbesondere Mutter Natur an der Verstopfung durch unsere Abfälle und dem Stress durch unsere Inanspruchnahme leidet. Dass auch diese Art der Mäßigung beim Naturverbrauch so glücksnotwendig sein könnte, wie die eben ausgeführte Kur von der ‚Morbus Affluenza‘ (dem ‚Überflusssyndrom‘), dafür gibt es zwar keine Garantie. Doch es erscheint bei rechtem Besehen doch möglich, dass die Welt – glücklicherweise – so eingerichtet ist, dass jenes, was uns auch individuell zum Glück durch Mäßigung verhilft, ein Segen für das „Raumschiff Erde“ (Buckminster Fuller) ist. Zumindest jedoch wäre diese Art der glücklichen Mäßigung eine gute Rückversicherung für alle, die Innovationen den Löwenanteil zuschieben, wenn es um den knappheitsmindernden Umgang unserer planetaren Ressourcen geht: Denn wo wir die materiellen Grenzen unserer Maßlosigkeit weiter verschieben, stillen wir nicht automatisch den Durst unserer Seelen nach Zeit zur Entfaltung und Genuss, nach Muße und Achtsamkeit. Der sich auftuende, gleichsam ‚enkeltaugliche Engelskreis‘ aus Mäßigung, Glück und Nachhaltigkeit, gibt Anlass zur Hoffnung. – Apropos Hoffnung: Sie ist Kardinaltugend im christlichen Tugendkanon. Doch das ist eine andere Geschichte…

 

Besser leben ohne Müll – Modereco beim Umundu Festival „Das gute Leben“

Am vergangenen Samstag fand auf dem 6. Dresdner Umundu-Festival unser Workshop statt. Im Gymnasium Bürgerwiese widmeten wir uns dem Thema „Besser leben ohne Müll – Müllreduktion im Alltag“. Nach einer kurzen Einführung durch den Vorsitzenden von Modereco, Eik Fritzsche, fanden die Teilnehmer einen schnellen und spaßigen Einstieg. In einer Vorstellungsrunde durfte sich jeder einen Müllgegenstand heraussuchen. Damit konnte er sich kurz namentlich vorstellen und mutmaßen, wie man diesen Müll vermeiden könnte. Was ist die Alternative zum Geschirrspühltab? Was hat es bloß mit der Weinflasche auf sich? Fängt hier schon der ersatzlose Verzicht an? Wie ist die Konservendose zu ersetzen?

Ein kurzer Vortrag machte die oft unterschätzten Prozesse exponentiellen Wirtschafts- und Müllwachstums deutlich. Dann ging es ans Werk. Dieses Mal hatten wir für die Teilnehmer eine Art ‚Speed-Dating‘ vorbereitet. Dessen Prinzip geht so. Jeweils eine Person sitzt an einem der zehn Tische. Vor sich hat sie oder er eine provokante These zum Thema Müllvermeidung liegen. Ihr gegenüber sitzen  ein bis drei Teilnehmer mit denen die These diskutiert wird – drei Minuten lang. Dann wird zum nächsten Tisch und damit zur nächsten These gerutscht.

Nach diesem munteren Brainstorming wurden die Thesen und die entsprechenden Diskussionspunkte allen Teilnehmern vorgestellt. Als Abschluss wurde die Vorstellungsrunde aufgelöst: Für jeden Müllgegenstand vom Anfang gab es nun eine nachhaltigere Alternative, die den Teilnehmern vorgestellt wurde. Geschirrspühlmittel gibt es in Pulverform, das weniger aufwändig verpackt ist und sogar ökologisch verträglicher wäscht; einige Weine sind in Pfandflaschen erhältlich; viele Konserven kann man ganz einfach selbst einkochen.

Was in eineinhalb Stunden Workshop bei unserem Speed-Dating herausgekommen ist, kann sich wirklich sehen lassen. Der Workshop machte augenscheinlich sehr viel Spaß – und bei so engagierten Teilnehmern ganz besonders auch unserem Workshopteam aus Caro, Eik, Erik und Alex! Wie allen Teilnehmern versprochen wurde, finden sich hier noch einmal die Thesen samt der im Workshop erarbeiteten Argumente. 

Konsequente Mülltrennung ist schon ausreichend! 

Zum Beispiel: Trennung in Papier, Grüner Punkt, Sondermüll

  • Trotz Trennung ist Müllverarbeitung und Recycling aufwändig und sollte vermieden werden.
  • Neben Müllvermeidung sollten die Verursacher und Hersteller zugemüllt werden.
  • Der übermäßige Konsum ist das Problem.
  • Man sollte stattdessen Konsumboykott-Gruppen gründen und die Mengen minimieren.
  • Das Mülltrennsystem in Deutschland funktioniert ohnehin nicht. Es ist zu komplex.
  • Statt Müll: Pfandsysteme – u.a. für Glas, wäre nötig auch für Wein! 

Müllvermeidung bedeutet Verzicht! 

Zum Beispiel: Ich liebe nun einmal die Kinder-Schokolade!

  • Wer Verpackungen vermeidet, vermeidet nicht notwendigerweise deren Inhalt.
  • Alternativen, die man selbst kreiert, machen zufriedener.
  • Man kann sein Denken umstellen und sich etwas anderes als Belohnung gönnen als üblich.
  • Einkaufen in größeren Packungen.
  • Gruppen können Hersteller anschreiben und Verpackungsvorschläge senden.
  • Reduzierter und bewussterer Verbrauch schafft mehr Befriedigung.
  • Beim Teilen hat man mehr davon (auch ‚foodsharing‘)
  • Containern

Manche Dinge sind nun einmal nicht ohne Müll zu bekommen: Was macht man dann?!

Zum Beispiel: Spaghetti und Reis

  • Unterstützung von einem Laden ohne Müll (zum Beispiel Original Unverpackt oder bald auch in Dresden: Lose)
  • Wenn es möglich ist, kann man in (sehr) großen Mengen kaufen – das reduziert den Müll erheblich. Dabei kann man auch gemeinschaftlich Einkaufen und die Bestände pflegen.
  • Verpackungsmüll kann man erst einmal im Laden lassen – damit die merken, was sie anrichten.
  • Selber machen.
  • Nicht mehr oder nicht mehr so oft konsumieren.

Um wirklich Müll zu vermeiden, brauche ich ein Auto!

Zum Beispiel: In meinem Stadtteil gibt es keinen Bioladen!

  • Ein großer Kofferraum führt dazu, dass man viel kauft, das man dann doch nicht braucht.
  • Carsharing! – obwohl das nicht immer eine Alternative darstellt.
  • Man muss sich nur etwas besser organisieren.
  • Nachbarschaftshilfe organisieren.
  • Fahrradfahren tut gut!
  • Öffentliche Verkehrsmittel nutzen! 

Müllvermeidung kostet wertvolle Zeit!

Zum Beispiel: Der Wochenmarkt ist zu weit weg! Die Planung und Mitnahme von Behältnissen kostet Zeit!

  • Auf der Website zu den Dresdner Wochenmärkten und Öffnungszeiten ist man schnell darüber informiert, wann welche Märkte in der Nähe stattfinden. (http://www.dresden.de/de/07/03-Wochenmaerkte.php?context=132010100000167595-1015)
  • Man kann für alles Routinen entwickeln.
  • Wenn man etwas weiter laufen muss, kann man das Sportpensum gleich mit erfüllen.
  • Nutzt man die (vermeintlich) eingesparte Zeit überhaupt sinnvoll?
  • Hat man erst einmal Routine, ist die Mitnahme von Behältern nicht langwieriger als Plastiktüten kaufen.
  • Man kann den Einkauf in der Familie/der WG aufteilen.
  • Einen Einkaufsbeutel kann man einfach immer dabei haben.
  • Müll wegbringen kostet auch Zeit.
  • Man kann vorausdenken und die Zeit gut nutzen: So kann man den Tee für die Arbeit bereits ziehen lassen, während man duscht.
  • Man muss die Zeitrelationen einmal vor Augen haben: Plastiktüten bleiben Jahrhunderte ein Problem – da ist es gerechtfertigt, wenn man zwei Minuten mehr aufwendet, um sie zu vermeiden.
  • Man kann Initiativen wie die Dresdner Verbrauchergemeinschaft (hier der Artikel zur VG bei Futurzwei.Stiftung Zukunftsfähigkeit) unterstützen; das hilft auch der Verbreitung von neuen Läden.

Plastikfrei Einkaufen ist teurer!

Zum Beispiel: Käse von der Theke ist mir zu teuer!

  • Man kann Dosen (am besten aus Metall) mit zum Einkaufen nehmen.
  • Man kann Tofu vom Asiamarkt kaufen.
  • Man kann Klopapier durch Stofftücher ersetzen (aber na ja…).
  • Man kann Glasflaschen statt Plastikflaschen nutzen – allerdings sind diese schwerer.
  • Die Förderung von Armen hilft, dass diese auch unverpackte Lebensmittel kaufen können.
  • Obst und Gemüse sind oft unverpackt – davon kann man mehr kaufen. Das ist auch gesünder.
  • Gezielt einkaufen führt dazu, dass man weniger wegwerfen muss.
  • Die gesamtwirtschaftlichen Kosten erscheinen weitaus niedriger.

Müllvermeidung drängt mich ins soziale Abseits!

Zum Beispiel: gebrauchte/alte Möbel, Kleidung, Mobiltelefone

  • Möbel kann man auffrischen, dann sehen sie wieder schick aus (was allerdings ggf. neuen Müll durch Farben erzeugt).
  • Änderungen und Kombinationen von Kleidung machen Defizite wett.
  • „Retro Look“ ist an sich doch ganz schick.
  • Aufklärung über die neuen Produkte, zum Beispiel bzgl. Herkunft und Materialien, macht diese weniger toll.
  • Sich bei der schicken Verwendung gebrauchter Dinge helfen lassen.
  • Tauschring nutzen, wenn etwas nicht ins eigene Milieu passt, etwa den Tauschnetz Elbtal oder Tauschring Dresden e.V.
  • Das Problem tritt nur bei kaputten und dreckigen Sachen auf: Das kann man reparieren und säubern.
  • Idee der Hartz-4-Möbel
  • Man kann einfach radikal sein und dazu stehen.

Unser Müll wird nie plastikfrei sein, denn meine Nachbarn/Mitbewohner machen weiter wie bisher!

Zum Beispiel: Wenn ich weniger Müll erzeuge, ist mehr Platz in der Tonne für andere. Die werden so dazu animiert, mehr Müll zu machen.

  • Man sollte ein Vorbild sein und eher Interesse wecken.
  • Nachbarn/Mitbewohner fühlen sich ertappt.
  • Man kann für den Mitbewohner einkaufen gehen.
  • Es braucht so einen Unverpackt-Laden, bei dem man leichter erkennen kann, dass es auch anders geht.
  • Informationsvermittlung bzgl. der Folgen von Müll sollte auch schon in der Schule stattfinden.
  • Weniger Müll bedeutet dann immer noch, weniger Müll rausbringen zu müssen.
  • Mündige Verbraucher sollten Firmen anschreiben und sich darüber beschweren, wie sie ihre Produkte herstellen.

Meine Müllvermeidung hat keinen Einfluss: Großkonzerne und Politik sind gefordert!

Zum Beispiel: Bio-Obst im Supermarkt muss zur Abgrenzung von anderen Produkten immer in Plastik eingepackt sein.

  • Einkauf im Biomarkt oder im Bioladen ist dennoch möglich: Dort sind diese Produkte unverpackt.
  • Indem man Discounter und Großkonzernen meidet, kann man auch sie beeinflussen.
  • Extra-Plastikbeutel für Obst kann man immerhin vermeiden.
  • Geschäftsarchitektur kann man im Prinzip so ändern, dass biologisch und konventionell hergestellte Produkte voneinander getrennt sind. Zusätzliche Verpackung ist dann gar nicht mehr nötig.
  • Die zusätzlich verpackten Produkte kann man gleich am Supermarkt entpacken und den Müll dort lassen. Das macht die betreffenden Geschäftsführungen aufmerksam auf den Müll, etwa indem höhere Entsorgungskosten anfallen.

Kompostierbare Plastik ist die Lösung!

Zum Beispiel: „Plastik“ aus Maiszucker

  • Bioplastik ist ebenso unökologisch wie zum Beispiel Bio-Sprit.
  • Die dafür nötige Ackerfläche wird eigentlich gebraucht zum Anbau von Lebensmitteln.
  • Bioplastik lässt sich schwer unterscheiden von normaler Plastik.
  • Besser sind Mehrweggläser.
  • Transportwege für den Rohstoff führen zu hoher CO2-Belastung.
  • Es ist dennoch ein hoher Energiebedarf bei der Herstellung notwendig.
  • Es ist kaum mehr als eine Zwischenlösung.
  • Zellulose als Rohstoff erscheint besser, da es ein sekundäres „Abfallprodukt“ darstellt.
  • Auch für die Plastik aus Maiszucker gilt ein langer Zersetzungsprozess.
  • Damit sie kommt, müsste sich die Nachfrage nach ihr erhöhen.

Geht auch weniger? Müllvermeidung im Alltag

 

In unserem Workshop „Geht auch weniger? Müllvermeidung im Alltag“ untersuchten wir mit 15 Teilnehmern in vier kurzweiligen Stunden Möglichkeiten, im Alltag ein nachhaltigeres Leben mit weniger Müll zu führen.

In lockerer Atmosphäre gab der Verein zunächst als Anregung einen kurzen Überblick über die Brisanz des aktuellen Müllaufkommens und dessen Entwicklung. Durch ein gemeinsames Brainstorming und eine anschließende, vertiefende Gruppenarbeit wurden konkrete Handlungsanregungen sowie damit verbundene Probleme und „Fallstricke“ benannt und analysiert. Als Ergebnis arbeiteten die Gruppen drei Flipchart-Präsentationen aus und stellten diese vor.

Einen schnellen und lustigen Einstieg fanden die Teilnehmer durch die Vorstellungsrunde: Jeder durfte sich einen Müllgegenstand heraussuchen, sich kurz namentlich vorstellen und mutmaßen, wie man diesen Müll vermeiden könnte. Was ist die nachhaltige Alternative zu einem Buch? Wirklich ein e-Book? Wie könnte man die Einzelverpackungen von Geschirrspültabs vermeiden? Was kann man mit einer alten Dose anfangen?

Im Einführungsvortrag wurde dann aufgrund verschiedener Zwischenfragen klar, wie vielschichtig das Thema ist. Müll ist nicht gleich Müll: So gibt es Müll, der prinzipiell vom Ökosystem wieder aufgenommen werden kann (z.B. Holz, Papier, Stoff) und Müll, bei dem dies nicht möglich ist (insbesondere Plastik). Andererseits ist neben der Entsorgungsproblematik („Senken“-Problem) natürlich auch stets die Beschaffung zu betrachten („Quellen“-Problem). So ist Papier zwar an sich ein nachhaltiger Rohstoff (wächst nach und kann prinzipiell wieder von dem Ökosystem absorbiert werden), dennoch kann man auch hier Übernutzung betreiben (zumal bei der Produktion allerhand Chemikalien eingesetzt werden). Auch andere Facetten sind wichtig: So sind Glasflaschen aus Sicht des Müllaspekts Plastikflaschen vorzuziehen. Doch was passiert, wenn man auch den Transport der schwereren Glasflaschen mit in die Bilanz einbezieht?
 An einem – und entscheidenden – Punkt jedoch, gab es keine Unklarheiten: Wir produzieren zu viel Müll! Vor allem der zunehmende Plastikwahn treibt unser Ökosystem schon jetzt an seine Grenzen (man denke z.B. an die kontinentgroßen(!) Plastikstrudel im Ozean oder die zunehmenden Probleme aufgrund des Klimawandels). Wenn wir einen lebenswerten Planeten für unsere Kinder und Kindeskinder hinterlassen wollen, ist also ein Umdenken unbedingt notwendig. Und dies geschieht bei jedem einzelnen im Alltag – irgendwo muss jede Umwälzung beginnen.

Damit waren wir dann auch mitten im Brainstorming angekommen. Wir suchten Verhaltensänderungen die a) Müll Vermeiden, b) ohne Fallstricke sind und c) Spaß machen. Schnell hatten die Teilnehmer genug Ideen für ein gesamtes Flipchart zusammen und so gingen wir dazu über, diese Ideen zu kategorisieren. Die drei größten Kategorien ergaben sich zu: Konsum, Wiederverwenden/Teilen, Selber machen.

Mit einer kleinen auflockernden Kaffeepause ging es mit diesen drei Themen zur weiteren Bearbeitung in die Gruppenarbeit. Dabei wurde intensiv und diskussionsfreudig an möglichen Maßnahmen, Problemen und Ideen gefeilt. Es wurde schnell klar, dass ein Hauptschwerpunkt von Handlungsänderungen im Konsumdenken erfolgen müsste. Brauchen wir wirklich jedes Jahr ein neues Smartphone? Muss ich auch im Winter Erdbeeren essen? Was bringt mir Mineralwasser aus Flaschen gegenüber dem Leitungswasser? Auch das Tauschen, Teilen und Wiederverwenden wurde wiederentdeckt: Dabei schont man nicht nur Ressourcen, sondern erfährt auch viele soziale Kontakte – das Miteinander wird gefördert. Das Reparieren, Weitergeben, Upcyclen rettet viele Dinge vor dem viel zu frühen Weg auf den Schrottplatz und in den Müll. Dabei werden Lücken gefüllt, ohne neuen Konsum zu verursachen. 
Bei alledem taten sich natürlich auch Probleme auf: Wer kann eigentlich noch reparieren? Gibt es Ersatzteile? Kann ich beim Teilen dem Gegenüber vertrauen? Wie seriös sind Angebote im Internet? Will ich auf Erdbeeren im Winter wirklich verzichten – wird das ein karges Leben?

Es war allen klar, dass der Weg in eine müllfreiere Zukunft noch sehr weit ist. Die Diskussionen rund ums Thema haben dennoch jedem neue Erkenntnisse und Anregungen gebracht. Am Ende durfte sich jeder noch einen guten Vorsatz mitnehmen und abschließend zum eingangs gewählten Müllgegenstand der Vorstellungsrunde eine nachhaltige Alternative heraussuchen. Anstatt jedes Buch neu zu kaufen, bietet sich z.B. das Ausleihen in der Bibliothek an; anstatt Geschirrspültabs einzeln verpackt zu kaufen, kann man auch Pulver in einer großen Tüte erwerben. So konnte jeder mit einer ganz konkreten Maßnahme nach Hause gehen, welche es erlaubt, den guten Vorsatz auch tatsächlich im Alltag anzugehen.

Zum Abschluss der Veranstaltung lud Modereco zum Abendessen ein. Es gab leckere mediterrane Suppe, frischen Salat und knackiges Baguette. Auf diese Weise konnten wir in aller Ruhe den Workshop Revue passieren lassen und uns auch abseits des vorgegebenen Themas weiter kennenlernen.

Modereco – auch zu besonderen Anlässen

Enkeltauglich im Alltag? Kein Problem! Viele Ratgeber geben uns Anregungen, wie wir durch kleine Gewohnheitsänderungen nachhaltiger leben können. Aber wie sieht es außerhalb unseres Alltags aus? Nachhaltigkeit an Geburts- und Feiertagen erscheint als eine besondere Herausforderung. Hier finden Sie Vorschläge für ein enkeltaugliches Leben auch zu besonderen Anlässen.

Gemäßigte Pfingsten
Pfingsten hat wie fast alle Feiertage einen religiösen Hintergrund. Im Judentum wird am Pfingstsonntag ein Erntedankfest („Schawuot“) gefeiert. Christen feiern zu „Pentecoste“ (altgriech. „fünfzigster Tag“) die Entsendung des Heiligen Geistes am fünfzigsten Tag nach Ostern – das Ende der Osterzeit. Auch jene ohne Religion können den Feiertagen eine besonderen Bedeutung zukommen lassen: An Anlehnung an den religiösen Hintergrund, lässt sich das Pfingstfest als das Ende des langen Winters und die Begrüßung des Frühlings verstehen. Zu Pfingsten liegt kein Schnee mehr und eine stabile Wetterlage ist zu erwarten.

Die Versuchung ist groß, das verlängerte Wochenende für einen Kurzurlaub zu nutzen. Am Freitag schnell die Koffer packen und danach auf der vollen Autobahn im Stau stehen. Drei Tage später dann das gleiche Spiel auf dem Rückweg. Warum muss man aber davonfahren? Vielleicht ist es gemäßigter, es so zu sehen: Man bekommt zu Pfingsten Zeit geschenkt, den Frühling das erste Mal im Jahr zuhause richtig genießen zu können: Spazierengehen, Wandern, Zelten oder Fahrradfahren bieten sich in der eigenen Heimat schon zu Pfingsten an. Auch das erste Mal Grillen ist über die Feiertage denkbar. In Anlehnung an die jüdische Tradition eignet sich der Zeitraum als eine Art Erntedankfest: Viele Lebensmittel der Region sind nur in dieser Zeit besonders frisch erhältlich (z.B. Rhabarber, Spargel, Erdbeeren) oder nach dem Winter seit langem wieder regional verfügbar (z.B. Blumenkohl, Gurken, Radieschen, junge Kartoffeln, Frühlingszwiebeln, Kohlrabi, Salat, Mangold, Spinat). Daher folgende Vorschläge für ein gemäßigtes Pfingstfest:

  1. Nehmen Sie sich Zeit für Familie und Freunde: Gehen Sie spazieren oder machen Sie einen kleinen Ausflug mit dem Zelt in der Region!
  2. Laden Sie Freunde zum Rhabarber-Erdbeer-Kuchen ein, machen Sie gemeinsam ein Lagerfeuer oder grillen Sie an - vielleicht sogar vegetarisch.
  3. Lassen Sie den Frühling ankommen und seien Sie achtsam: Schmücken Sie das Heim mit Pfingstrosen, setzen Sie sich in den Garten, auf den Balkon oder den Park, lauschen Sie Wind und Vogelgesang und genießen Sie die ersten warmen Sonnenstrahlen!
  4. Mache Sie sich mit den Pfingstbräuchen Ihrer Region vertraut: In Sachsen hat das Pfingstsingen und Wanderausflüge Tradition; speziell in Dresden finden oft Musikfestspiele über die Feiertage statt.

Braucht Demokratie Wirtschaftswachstum?

Zwei Forscher der TU-Dresden prüfen, was am politikpraktischen Konsens unserer Zeit wirklich dran ist

Brauchen Demokratien eine stete Steigerung ihrer wirtschaftlichen Basis, um stabil sein zu können? Oder brechen Demokratien zusammen, wenn das Wachstum ausbleibt? Der breite politikpraktische Konsens legt dies nahe. Mitunter wird Wirtschaftswachstum sogar als allein notwendige Bedingung für die Stabilität von Demokratien angesehen.

Allerdings gibt es zunehmend wachstumskritische Ansichten – nicht nur in politischen Subkulturen, sondern auch innerhalb der sozialwissenschaftlichen Gemeinschaft. Modereco-Mitglied Erik Fritzsche hat mit seinem Kollegen Anselm Vogler (beide TU Dresden) den Zusammenhang von Wirtschaftswachstum und Demokratiestabilität untersucht. Jüngst haben sie einen Beitrag im Sammelband des Chemnitzer Politikwissenschaftlers Tom Mannewitz publiziert. In ihm werden die Bedenken um die Wachstumsfixierung aufgegriffen, negative ökologische und soziale Folgen von Wirtschaftswachstum rekapituliert und der immer noch ungebrochene Wachstumsfokus wirtschaftspolitischer Akteure in Frage gestellt.

Fritzsche und Vogler haben die zentralen sozialwissenschaftlichen Studien ausgewertet, in denen der Zusammenhang von Wirtschaftswachstum und Demokratiestabilität untersucht wird. Dabei wird der Forschungsstand zur demokratiestabilisierenden Wirkung von Wirtschaftswachstum in methodischer, konzeptioneller und empirischer Hinsicht auf den Prüfstand gestellt.

Das Ergebnis? Ein positiver Zusammenhang von Wachstum und Demokratiestabilität lässt sich nicht feststellen. Tatsächlich gibt es noch nicht einmal eine gute theoretische Begründung für einen solchen Zusammenhang. Statt Wirtschaftswachstum lässt vielmehr Verteilungsgerechtigkeit einen positiven Effekt auf den Zustand demokratischer Gemeinwesen erwarten. Zudem lässt sich sogar zeigen, dass Wirtschaftswachstum und die Legitimität eines demokratischen Gemeinwesens (auch) in einem Spannungsverhältnis stehen können. Zum Beispiel drängt ein Fokus auf Wirtschaftswachstum Politiker oft zu hektischen Entscheidungen: Wenn lange Genehmigungs- und Vergabeverfahren am Werk sind, entstehen schließlich Wettbewerbsnachteile. Doch eine hohe Geschwindigkeit des politischen Entscheidungsverfahrens steht im Konflikt mit den demokratischen Partizipationserwartungen: Schnelligkeit und eine abwägende, die Bürger einbeziehende Diskussion sind tendenziell unvereinbar.

Der Artikel von Fritzsche und Vogler erkundet schließlich, wie die Stabilisierung von Demokratien durch Politiken geleistet werden kann, die kein Wachstum benötigen und dabei zugleich zustimmungsfähig sind. Zwar entsteht dabei kein fertiges ‚Modereco-Parteiprogramm‘. Doch es wird entlang weiterführender Anschlussfragen deutlich, in welche Richtung Politiker (und Wissenschaftler) denken sollten, wenn sie in Demokratien auch ohne Wachstumsversprechen Wähler überzeugt wollen.

 

Literaturhinweis:

Erik Fritzsche/Anselm Vogler: Braucht Demokratie Wirtschaftswachstum? Forschungsstand und legitimitätstheoretische Überlegungen zum Zusammenhang von Wirtschaftswachstum und Demokratiequalität, in: Mannewitz, Tom (Hg.): Die Demokratie und ihre Defekte: Analysen und Reformvorschläge, Wiesbaden: Springer VS, S. 57-86 (zum Buchzum Beitrag).

Bildrechte:

https://www.ucm.es/decrecimiento

Leitfaden

Leitfaden

Das richtige Wohlstands-Maß?!

Für Alfred Müller-Armack verwirklichte sich das Prinzip des Wohlstands in der Sozialen Marktwirtschaft, die durch die Verbindung von Freiheit auf dem Markt mit dem sozialen Ausgleich geprägt ist. Dies ist keine beliebige Mischung, sondern eine ordnungspolitische Idee, die auf der Basis der Wettbewerbswirtschaft, die freie Initiative mit einem gerade durch marktwirtschaftliche Leistung gesicherten sozialen Fortschritt verbinden will: „Wohlstand für alle und Wohlstand durch Wettbewerb gehören untrennbar zusammen; das erste Postulat kennzeichnet das Ziel, das Zweite den Weg, der zu diesem Ziel führt“ (Ludwig Erhard: Wohlstand für alle, S. 9). So ist es der deutschen Gesellschaft gelungen, die zentrifugalen Kräfte des ökonomischen Fortschritts zu bändigen, zur Mitte zurückzulenken und ein hohes Wohlstandniveau zu erreichen. Erhard war der Auffassung, dass sich die Deutschen mit wachsendem Wohlstandniveau von einer allzu materialistischen Gesinnung lösen und sich über die „Kümmernisse des Alltags“ (ebd., S. 223) erheben würden. 

Psychologische Komponente des Wohlstandsstrebens

Die Wohlstandfrage war für Erhard eine „sozial-ethische“ und keine „ökonomisch-materialistische“ (ebd., S. 223). Er verkannte damit jedoch die psychologische Komponente, die allem Wohlstandstreben innewohnt. Unsere modernen hochindividualisierten Gesellschaften erzeugen einen Statusdruck, dem sich der einzelne nur schwer entziehen kann. Sie lassen das Individuum mit dem Gefühl der relativen Benachteiligung („relative deprivation“) zurück. Ein Gefühl, dass durch den beständigen Vergleich der eigenen Lebenssituation mit der von anderen im unmittelbaren Lebensumfeld herrührt. Je größer die wahrgenommen Unterschiede ausfallen, desto größer wird die Unzufriedenheit mit der eigenen Lebenssituation. Nach Robert Frank, einem US-Ökonom, stellt sich ein Gefühl des Zurückbleibens („falling behind“) ein. Die Angst, mit anderen nicht mithalten zu können. Als Ausweg fallen die meisten Menschen in ein Verhalten, dass Soziologen als „competitive consumption“ („konkurrenzgetriebenes Konsumieren“) bezeichnen: Nicht mehr die Frage nach der eigenen Lebensqualität entscheidet über Konsumentscheidungen, sondern die Frage nach dem sozialen Status. 

Materielle Güter sagen immer etwas über den persönlichen Erfolg ihres Besitzers oder ihrer Besitzerin aus. Tatsächlich prägen sie Zugehörigkeiten und Identitäten: Wer sich etwas leisten kann, gilt etwas, hat es geschafft. Eine fast orthodoxe Vorstellung von Bürgerlichkeit. So wird materieller Wohlstand oft gleichbedeutend mit Erfolg gesetzt. Wer sich etwas leisten kann, gehört zu den Gewinnern. Entsprechend wird die Lust nach etwas Neuem, nach steigendem Einkommen, nach Besitz, nach immer exotischeren Urlaubsreisen, teureren Autos zu einem Grundbedürfnis im "Kampf um Anerkennung" (Axel Honneth).

Nicht die Qualität des eigenen Lebensstils, sondern die Quantität der Konsumentscheidungen bestimmt den Wert des Einzelnen in unserer Gesellschaft. Der moderne erfolgreiche Mitteleuropäer – meist ein urbaner Typ – definiert sich durch die Summe seiner Konsumentscheidungen. Je elitärer die Produkte und je öfter konsumiert wird, desto höher steigt der vermeintliche gesellschaftliche Status. Gleichzeitig ist Konsum heute auch der einfachste Weg, um sich Anerkennung zu verschaffen: Ein Leasing- oder Konsumkreditvetrag sind heute schnell abgeschlossen, oft auch ohne die notwendigen Sicherheiten. Dem Konsumenten wird es so einfach wie möglich gemacht, an den Segnungen der Konsumglitzerwelt zu partizipieren. Viel zu oft werden Konsumentscheidungen voreilig oder unüberlegt getroffen. Wenn ein Produkt nicht zu den eigenen oder veränderten Bedürfnissen passt, wird es halt ausgetauscht  – gegen ein Neues: die „IKEAisierung“ unserer Warenwelt macht es möglich.  

Bei einem Grossteil unserer Bedürfnisse handelt es sich jedoch keinesfalls um reale Nöte oder Erfordernisse, sondern um externe, an uns herangetragene Bedürfniskonstruktionen – meist medial vermittelt. Emotionen spielen dabei eine entscheidende Rolle. Über Emotionen werden (Konsum-)Produkte mit Sinn aufgeladen. Nicht das Produkt als solches steht im Mittelpunkt, sondern die positiven Attribute des Produktes, die auf den Konsumenten abfärben sollen. Erfolgreiche Marken verkaufen ihre Produkte nicht durch rationale Argumente in Bezug auf einen Gebrauchswert der Dinge, sondern über einen konstruierten „Lifestyle“. Und wenn der Nachbar schon wieder mit dem neusten Modell einer deutschen Premiummarke auf den Hof fährt, dann ist es nicht das Auto selbst, sondern die impliziten Botschaften, die sein stolzer Besitzer damit kommuniziert: Ein bisschen ist er dann so, wie eines der Modelle aus den Hochglanzwerbeheftchen. Und sind wir ehrlich: Ein wenig ticken wir doch alle so. Seien es nun Klamotten, Autos oder Handys: der Besitz eines bestimmten Produktes symbolisiert einen gewissen Status. Und mit dem Statusgewinn ist meist eine Hoffnung auf höhere Anerkennung bei bestimmten Personen oder Personengruppen verbunden. 

Nebenfolgen unseres Wohlstands

Unser heutiger Wohlstandsbegriff muss auf den Prüfstand gestellt werden. Es bedarf einer Neuverhandlung seiner „mentalen Infrastruktur“ (Harald Welzer). Unser Wohlstand ist weder voraussetzungslos noch grenzenlos steigerbar. Unser Lebens- und Konsumstil zeitigt erhebliche Folgen und Nebenfolgen, die für den Einzelnen, aufgrund der Komplexität der globalen Produktionsmöglichkeiten nur noch schwer ersichtlich sind. Mit chirurgischer Präzision – und riesigen Marketingetats – haben es viele der allseits beliebten Markenartikelhersteller geschafft, die negativen Folgen unseres Konsumverhaltens zu kaschieren. Wir sehen nur noch das Hochglanzprodukt, die Begierde unserer Konsumfantasien. Die zumeist negativen Folgen unserer Wohlstandsmehrung wurden ausgelagert: in Länder und Regionen, die viele von uns nie sehen werden. „Aus den Augen aus dem Sinn“, heißt es so schön. Nur weil etwas im hier und jetzt  nicht  präsent ist, ist es jedoch noch nicht aus der Welt! Natürlich ist es schwer, sich die Arbeitsbedingungen der Näherinnen vor Augen zu halten, die unsere billigen T-Shirts nähen oder die Unmengen an Wasser, die bei der Produktion einer Jeans noch immer verschwendet werden. Diese Dinge sind allerdings real, sie passieren im hier und jetzt, nur oft mehrere tausend Kilometer von uns entfernt. 

Unser Handeln verursacht Kosten, die auch von uns getragen werden müssen. Welchen Wohlstand sollten oder können wir uns also leisten? Eine Wohlstandmehrung zu Lasten Dritter oder auf Kredit ist nicht nur verantwortungslos oder moralisch fragwürdig, sondern wird auch nur von kurzer Dauer sein. Die Rechnung wird uns – wahrscheinlich früher als später – präsentiert werden. Kann es also Wohlstand sein, wenn wir billige Produkte mit hohen sozialen und ökologischen Folgekosten konsumieren. Solchermaßen künstlich verbilligte Produkte sind ein Luxus, den wir uns unter Wohlstandsgesichtspunkten nicht leisten können (sollten). Wer Wohlstand als einen stetig wachsenden Verbrauch von Gütern und Ressourcen ansieht, wird sich in nicht allzu ferner Zukunft fragen lassen müssen, ob er dafür wirklich die gesamte Rechnung beglichen hat. Die Antwort wird wohl ein klares NEIN sein (müssen). Denn das Verursacherprinzip kommt nicht zur Anwendung: Vielmehr müssen sich derzeit andere unser Wohlstandsmodell leisten können! Unser Verhalten kommt dem Verteilen ungedeckter Schecks gleich: Solange diese nicht bei der Bank eingelöst werden, kann die Party weiter gehen. Dabei ist die Insolvenz unseres ressourcenverschwendenden Lebensstils absehbar.

Bei unserem Verhalten handelt es sich nicht in erster Linie um die Bankrotterklärung unserer moralischen Grundlagen. Wäre es so, dann würde diesem Befund zwar eine gewisse Tragik innewohnen, mehr jedoch nicht. Die Krux des Ganzen liegt viel tiefer. Der Glaube an wachsenden Wohlstand entpuppt sich mehr und mehr als eine konstruierte Realität. Der individualisierte westliche Lebensstil fußt auf drei zentralen Prinzipien: der Massenproduktion, d.h. den komplexen, mechanisierten wie standardisierten Verfahrensweisen – der Massenmobilität, d.h. dem globalen Transport von Personen und Gütern  –  und der Massenkommunikation, d.h. der räumlichen und zeitlichen Entkopplung physischer Präsenz. Diese drei Prinzipien bestimmen unseren materiellen Wohlstand. Ob diese Prinzipien unsere Lebensqualität steigern können, bleibt indes fraglich. Es wird immer offensichtlicher, dass unser vermeintlich fortschrittsgeleitetes Handeln die Grundlagen unseres Wohlstands, wenn nicht zerstört, so aber doch erheblich negativ beeinträchtigt.

Das rechte Maß?

Aus all dem folgt: Unserem Handeln ist vielfach das rechte Maß verloren gegangen. Wohlstand wird gleichgesetzt mit Überfluss von Gütern aller Art. Nicht deren Qualität bestimmt unser Denken, sondern ihre Quantität. Nicht mehr das Produkt steht um Fokus unserer Aufmerksamkeit, sondern dessen permanente Verfügbarkeit. Konsumgesellschaften sind auf das hier und jetzt gepolt, Denk- und Handlungsweisen sind auf den Augenblick gerichtet. Bedürfnisse gilt es sofort zu befriedigen, bevor sie in Konkurrenz zu einander treten. Dafür sind wir nicht nur bereit Mehrkosten in Kauf zu nehmen, wir verlagern diese auch zusehends in die Zukunft, im Glauben diese steigenden Lasten später bewältigen zu können. Doch was ist das richtige Maß für unseren Wohlstand? Die Antwort auf diese Frage klingt reichlich banal: Das richtige Wohlstandsmaß ergibt sich aus der Stabilität unserer sozialen und ökologischen Systeme. In der Mechanik wird dieser Zustand als ein Kräftegleichgewicht beschrieben. Verschiebt sich dieses Kräftegleichgewicht werden Systeme instabil bzw. ist in diesem Fall ein größerer Krafteinsatz notwendig, um die Stabilität halten zu können. Unser derzeitiges Wohlstandsmaß verschiebt die Gleichgewichte in den sozialen und ökologischen Teilsysteme  zu gunsten des wirtschaftlichen Teilssystems. Je mehr dieses vormalige Gleichgewicht außer Balance gerät, desto höher sind die Anstrengungen (Kosten), die aufgebracht werden müssen, um das Gleichgewicht wieder herzustellen. Solange wir unseren Wohlstand als ein rein materielles Gut betrachten, wird sich das Ungleichgewicht auf der sozialen und ökologischen Seite weiter verstärken. 

Nun kann eine solche Erkenntnis, schon mit Blick auf die menschliche Psyche, nicht in eine reine Verzichtsrhetorik münden. Nur wenige Menschen sind dazu bereit, aus rein altruistischen Gründen, auf die eigene Wohlstandsmaximierung zu verzichten, nur weil ihnen gesagt wurde, dass eine solche Verhaltensweise nicht nachhaltig ist. Die meisten Menschen sind - auch weil unsere Kultur sie dazu regelrecht erzieht - kurzfristige Nutzenmaximierer, ein Verhalten, dass aus evolutionsbiologischer Perspektive höchst rational erscheint. Aus soziologischer Perspektive wird es jedoch zum Problem, da ein solches selbstreferenzielles Verhalten von Individuen in der Masse langfristig unserer sozialen und ökologischen Grundlagen zerstört.

Drei Kerndimensionen für die Verhaltensänderung

Um Menschen zu Verhaltensänderungen zu bewegen, müssen drei Kerndimensionen der (individuellen) Leistungsmotivation angesprochen werden. Sie müssen die Fähigkeit, Möglichkeit und Bereitschaft besitzen, ihr Verhalten dauerhaft ändern zu wollen. Mit Fähigkeiten ist das Wissen um die Grundlagen einer sozial-ökologischen Lebensweise gemeint. Dabei geht es nicht nur um reines Faktenwissen, sondern auch um Regelwissen, dass dem eigenen Handeln Sinn und Legitimation verleiht. Wer die Folgen seines Handelns kennt bzw. reflektiert, dem wird es leichter fallen, sich entsprechend zu Verhalten (Prinzip der Selbstwirksamkeit). Natürlich muss ein jeder auch die Möglichkeit dazu haben, sich ein solches Wissen anzueignen und einen sozial-ökologischen Lebensstil zu pflegen. Hierfür ist ein gewisser Wohlstand notwendig. Wer zwölf Stunden am Tag damit beschäftigt ist, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, der wird sich – aus nachvollziehbaren Gründen – keine Gedanken mehr über sein Konsumverhalten machen. Neben den Fähigkeiten und Möglichkeiten braucht es auch eine gewisse Bereitschaft, sich der kognitiven wie normativen Ordnung einer sozial-ökologischen Lebensweise zu unterwerfen. Es reicht nicht, nur die Regeln zu kennen, sie müssen das eigene Handeln auch begründen und begrenzen. Ebenso dienen diese Regeln dazu, die eigene Wahrnehmung zu strukturieren und die Realität interaktiv mit den anderen Mitgliedern der Gesellschaft auszuhandeln, durch den Gebrauch von Symbolen. Dies geschieht in der sozialen Kommunikation – z.B. durch eine klares Bekenntnis zu einer vegetarischen Ernährungsweise oder die bewusste Entscheidung, auf ein eigenes Auto zu verzichten. Diese Dinge gilt es zu kommunizieren. Dogmatismus ist dabei aber fehl am Platz, denn ideologisch überspitzte Forderungen produzieren meist Abwehrreaktionen, und nicht selten sind sie nicht angemessen, da man schwerlich eine Forderung erheben kann, die für alle gleichermaßen sinnvoll ist. Vielmehr gilt es, die Bereitschaft zur Veränderung vieler Menschen zu nutzen, an ihre Fähigkeiten zum Wandel zu appellieren und ihnen Möglichkeiten aufzuzeigen, wie sie Veränderungen bewirken können. 

Fazit

Der Verweis auf das richtige Maß in unserem Handeln hat nicht in erster Linie etwas mit Verzicht zu tun. Das Gefühl, auf etwas verzichten zu müssen, resultiert aus der Wahrnehmung, bestehende bzw. gewohnte oder neue Bedürfnisse nicht befriedigen zu können. Wer jedoch die Fähigkeit, Möglichkeit und Bereitschaft besitzt, den Ursprung seiner Bedürfnisse und die Folgen ihrer Befriedigung zu reflektieren, wird eher bereit sein, sein Verhalten zu ändern. Es gilt die eigenen Bedürfnisse kritisch zu hinterfragen, anstatt nach deren bloßer Befriedigung zu streben. 

Wir sollten also lernen, hinter die Hochglanzkulisse unserer bunten Wahrenwelt zu schauen. Wir sollten uns für die Historie von Produkten interessieren. Wir sollten lernen, Konsum wieder zweckrationaler zu betrachten und uns weniger von Emotionen leiten zu lassen. Erst die Fähigkeit, Möglichkeit und Bereitschaft sich mit diesen Phänomenen auseinanderzusetzen, schafft eine gewisse innere Freiheit und Distanz zu den uns umgebenden Bedürfniswelten. Wir sollten unsere eigenen Bedürfnisse besser kennen und diesen folgen, nicht aber vermeintlichen, von außen an uns herangetragen Erfordernissen hinterher jagen. Wer in der Selbstbeschränkung eine Befreiung von äußeren Zwängen erkennt, der wird im Verzicht nicht mehr einen bloßen Verlust sehen, sondern die Chance, eine neue Art des Wohlstands zu erlangen. 

Modereco-Gespräche

Was ist Nachhaltigkeit? Wie wichtig war sie in früheren Zeiten, welche Notwendigkeit hat sie heute wirklich? Was können wir diesbezüglich tatsächlich tun? Was ist dem Menschen überhaupt zuzutrauen? Was dürfen wir wenigstens hoffen? Und womit fangen wir einfach mal an? Diesen Fragen wollen wir in unseren – für 2015 geplanten – Modereco-Gesprächen mit Persönlichkeiten aus dem Diskursfeld der Nachhaltigkeit nachgehen – und dies zwar gern mit philosophischem Interesse, doch immer mit Blick für die Alltagspraxis. Denn wir sind uns sicher: Das gute, enkeltaugliche Leben ist nur im hier und jetzt erreichbar. Darum wollen wir Reden und Handeln zusammenbringen, und darüber hinaus an den Grenzen dessen, was wir tun können, neue produktive Spannungen für die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft entdecke. 

Dies ist unser neues Projekt: Es wird sich in unserer Sitzung am 30.8. (siehe Termine) eine AG gründen, um die ersten Modereco-Gespräche zu organisieren.

Nicht noch ein Leitfaden... Doch, es muss sein!

Der Leitfaden soll ein erster kleiner Türöffner sein, der allen Interessierten den Weg in eine enkeltaugliche Zukunft bahnen soll. Es sind einfache, praktische und vielfach erprobte Tipps, die sich schnell und ohne großen Aufwand umsetzen lassen. Der Vorteil: Es sind alles Dinge, die ohne weiteres in den Alltag integrieren werden können. Suchen Sie sich fünf Punkte aus, die Sie am meisten interessieren, und probieren Sie sich aus. Einiges beachten Sie vielleicht schon, anderes hingegen ist neu. Die meisten Vorschläge sind jedoch relativ einfach umzusetzen – wenn man bereit für etwas Neues ist. Also, machen Sie sich auf den Weg – es lohnt sich. Übrigens: Frage Sie mal Ihre Kinder/Enkel, die werden Sie bestimmt unterstützen und begeistert mitwirken.

Hier gibts unseren Alltagskompass zum Download.

"Vom Land in den Mund“ – ein Buch für mehr Durchblick über das, was auf den Tisch kommt, und einen Mentalitätswandel

Der Journalist Jan Grossarth plädiert in 21 Thesen dafür, die Nahrungsmittelindustrie neu zu gestalten. Erschienen sind sie schon 2016, aktuell aber trotz (oder gerade wegen) eines schier unauflösbaren Widerspruchs nach wie vor – nicht nur für Konzernstrategen, sondern jedermann.

An seinem Anspruch kann er eigentlich nur scheitern. Veröffentlicht hat ihn der Wirtschaftsjournalist Jan Grossarth bereits im vergangenen Jahr in dem Buch „Vom Land in den Mund“, in dem er in 21 knappen Kapiteln für eine Versöhnung von Ernährungsindustrie und „aufgeklärtem“ (vielfach zwischen Veggi-Begeisterung, Direktkauf beim Bio-Bauern und Urban Gardening oszillierendem) Großstadtbürgertum wirbt. Kapital(ismus) versus Moral(ismus) – wer hier eine Annäherung erreichen will, weiß um die gewaltige Herausforderung, zu der Grossarth seinen spannend geschriebenen Beitrag leistet. 

Obgleich schon eine Weile auf dem Markt – und nun als Band 1680 der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung für 4,50 Euro zu haben –, lohnt das flüssig geschriebene 160-Seiten-Werk gerade wegen des Anspruchs, den „Blick der Landwirte auf das Leben“ zu weiten wie auch des „Verbrauchers auf die industrielle Realität“. Selbst, wenn es für den einen oder die andere nur darum ginge, den jeweiligen „Gegner“ besser zu verstehen. 

Die große Frage freilich bleibt: Wie soll das klappen, wie dieser Widerspruch „zwischen Herz und Kopf“ (Grossarth) aufgelöst werden, angesichts vielfach berechtigter Empörung über die realexistierenden Umstände industrieller „Tier- und Pflanzenproduktion“ auf der einen und einer weiter wachsenden Weltbevölkerung auf der andern Seite? Wie soll sich was ändern, wenn hierzulande nur durchschnittlich zwölf Prozent vom Einkommen für Lebensmittel ausgegeben werden und „Geiz ist geil“ nicht aus den Köpfen zu bekommen ist, während es gar nicht so wenige Menschen gibt, die sich dennoch nachhaltig erzeugte Lebensmittel nicht leisten können? Dass im Produktivitätswettlauf Arten- oder Bauernhofvielfalt auf der Strecke bleiben, verstehe sich jedenfalls von selbst, schreibt Grossarth, und sich daran was ändern müsse, auch – zunächst einmal bei der Nahrungsmittelindustrie. Diese solle lernen, genau hinschauen, Profitmaximierung nicht zur ultima ratio erheben. Mhm, wer jetzt nachdenklich wird … dem sei‘s gegönnt.

Denn die Diskrepanz reicht längst so weit, dass sich (wohl nicht nur) in Sachsen Bauern hinter vorgehaltener Hand die Frage stellen, wie lange sich die Menschheit die seit Jahren staatlich geförderte Aufforstung landwirtschaftlicher Flächen in agrarwirtschaftlichen Gunsträumen wie dem unsern noch werde leisten können. 

Grossarths Vorschlag für eine „Versöhnung“ zwischen Industrie und Wohlstandsgesellschaft ist eigentlich eine Forderung – an die Adresse der Erzeugerseite, die sich „neu erfinden muss“, aber „ohne … das Beste über Bord zu werfen …: eine hohe Produktivität“. Wer das liest, ruft aus: „Ja!“ Und verzweifelt hinterher: „Aber wie?!“

Denn da bleiben die vorgestellten Ansätze im ziemlich Ungefähren. Grossarth setzt auf Erkenntnis bei allen Beteiligten, Einsicht auch, dass es anders gar nicht gehe. Wenn er und wir alle uns mit ihm da mal nicht täuschen (lassen) … Denn dem seit Jahren mit der Lage vertrauten Fachmann ist klar, dass die Industrie selbst den Widerspruch zwischen automatisierter Produktion und Bäuerinnen, die in Werbefilmchen Joghurt anrühren, zwischen Backfabriken und nett grinsenden Köchen, die den Löffel bei der Kuchenherstellung schwingen, in die Köpfe der mehr und mehr auch in Dörfern von der landwirtschaftlichen Realität entfremdeten nachwachsenden Generation eingepflanzt hat. Das ist der eine Teil der Wahrheit. Der andere – „ohne Zynismus“: „Gemessen an dem, was auf dem Teller liegt, kann ein Arbeitsloser heute besser leben als der Adel im Mittelalter.“ Industrie einseitig zu verteufeln, sei demnach fehl am Platz.

So schreibt Grossarth an gegen Entfremdung zwischen Stadt und Land, „denn es gibt nicht nur ein Überangebot an Milch, sondern auch ein Informationsdefizit“. Stimmt das aber? Oder sehen wir nur, was wir sehen wollen? Über allem steht schließlich eine Produktionslogik, die als ehernes Gesetz nur das „immer mehr“ kennt, Rationalisierung also, Mechanisierung und – damit einhergehend – der schwindende Überblick darüber, wie ein Stück Fleisch auf den Tisch gelangt oder ein Netz voller Kartoffeln. Ein „eher weniger“ ist da hinderlich.

Um in Zeiten harten internationalen Wettbewerbs die Ambivalenz herauszuarbeiten zwischen Handarbeit und vollautomatisierter Massenproduktion, Genmais und Ökoprodukten, Etikettenschindel und Stadtgärtnern führt Grossarth viele Beispiele an: von Selbstversorgern im Kleinen bis zur Gefahr der „totalen Vereinnahmung allen Lebens als Ressource“ im Großen, die er natürlich sieht, von einer Wegwerf-, die zur Kreislaufwirtschaft umgewandelt werden müsse, der Notwendigkeit von Technikeinsatz bei gleichzeitig weitgedachter Ressourceneffizienz. 

Grossarth wird dabei auch hinreichend konkret, etwa, wenn er für das Jahr 2014 die durch Russland verhängte Importsperre für Lebensmittel aus EU und Amerika am Beispiel „Schweinefleisch“ rekapituliert: Innert kurzer Zeit blockierte Wladimir Putin damals dessen Einfuhr. Und Russland ist dabei eine große Nummer. Konsequenzen habe es für große Player am Markt wie den deutschen Tönnies-Konzern kaum gegeben. Nach dem russischen Importstopp wurde einfach verstärkt nach Japan, China, Korea, Mexiko, auf die Philippinen geliefert. Und Weißrussland exportierte auf einmal auffallend viele Zitrus- und Meeresfrüchte oder Parmesan zum großen Nachbarn, schreibt Grossarth, der dabei auch auf die Rolle der Mafia verweist und die Umetikettierung von Waren, um deren Herkunft zu verschleiern. Zudem lasse sich – nicht nur Veggis wissen es längst –, aus Schweine-Körperteilen noch eine Vielzahl anderer Utensilien herstellen: Seife etwa, Shampoo, Wachsmalstifte, Kerzen, Wachs für Parkettböden, Meisenknödel, Wurstpelle, Hundefutter, Arznei, ja, auch: Biodiesel. „Eher weniger“ – Fehlanzeige.

Grossarths Fazit: Ja, es ist kompliziert. Für jeden, der produziert und konsumiert (also alle), bedeute das wegzukommen vom „Man muss“ zum „Ich“, um etwa den vermeintlichen Gegensatz zwischen „künstlich-chemisch“ und „natürlich“ zu überwinden, der in unsern Breiten allzu oft zum Popanz aufgebaut wird. Denn, schreibt er, ohne die Industrie werde die Welt nicht zu ernähren sein – auch wenn etwa in Afrika nach wie vor Subsistenzwirtschaft das Gros der Menschen versorgt, mag man hinzufügen. Grossarths Hoffnung, Industrie könne, müsse gar Industrie bleiben, während aber nur richtig sei, was dem Menschen guttut, ist dabei zwar eine hehre (und umstrittene). Er will Evolution statt Revolution. „Den Menschen“ freilich gibt es genauso wenig wie „die Industrie“. 

Grossarth, Jan: Vom Land in den Mund. Warum sich die Nahrungsindustrie neu erfinden muss, Verlag Nagel & Kimche, München 2016, 17,90 Euro.

Eckhard Schindler, Desaster oder Kultur? Das Ästhetik-Prinzip und der gesellschaftliche Fortschritt (Rezension)

von Erik Fritzsche

Eckhard Schindler ist ein seltenes Phänomen: Er ist nämlich ein sozialwissenschaftlicher Autodidakt. Schindler ist damit ein Beispiel für das, was in der Wissenssoziologie mit dem Konzept der ‚Bürgerwissenschaft‘, der ‚Citizen Science‘, bezeichnet wird. In einer freiheitlichen Gesellschaft ist es schließlich schon dem Grundsatz nach so, dass neben der Politik und Kunst gerade auch die Wissenschaft nicht allein der Profession, sondern auch Amateuren zusteht. Ama-teure: das sind dem Wortsinn nach jene, die es ganz aus der Liebe zum Gegenstand in ihre (wissenschaftliche) Tätigkeit treibt. (Systematisch stimmig ist darum auch, dass das Bundesministerium für Bildung und Forschung eine entsprechende Förderrichtlinie für Bürgerwissenschaften hat. Berühmtester Bürgerwissenschaftler dürfte übrigens Alfred Schütz (1899-1959) sein; er war von Haus aus Jurist und wurde in seiner Freizeit zum Philosophen und Soziologen. Er begründete, gleichsam nach Feierabend, die ‚phänomenologische Soziologie‘.)

Vielleicht ist es diesen Amateuren vorbehalten, sich so kühn an eine Gesellschaftskritik zu wagen, deren Argumentationspfade durch die basalen Wirklichkeitsschichten des menschlichen Gehirns bis hinauf zur Weltgesellschaft reichen. Denn mit seiner Diagnose der ‚Professionalitätsfalle‘ (S. 164ff) ist eine wichtige Inspirationsquelle der Bürgerwissenschaft getroffen: Sie beklagt die im wesentlichen wenig produktive 'Schnipselforschung' innerhalb der Wissenschaften, die das Große und Ganze aus dem Blick zu verlieren droht. Schließlich passt längst nicht alles, was sich erkennen lässt und für uns Menschen im 21. Jahrhundert aufzuarbeiten notwendig erscheint, auf 25 Journalseiten.

Schindler ist – darin Aristoteles nachfolgend – ein zutiefst praktischer Bürgerwissenschaftler: Sein Ausgangspunkt sind reale Weltprobleme, seien es die konkreten Großgeiseln der Menschheit wie Armut, Hunger, Überbevölkerung, Ressourcenverschwendung, oder auch die dahinter liegenden, tiefenschichtigeren Probleme des Menschen mit sich selbst: sein Machtstreben, seine Kurzsichtigkeit, sein Regulierungs- und Sicherheitsstreben sowie sein Hang zur Verschwendung der (natürlichen) Ressourcen (Kapitel 1). Es sind Begrenzungskrisen und Maßlosigkeitskrisen, die Eckhard Schindler umtreiben.

Nach diesem ersten, düsteren Aufzug, in dem große und kleine Dämonen in kurzer Folge die Bühne betreten, liegt es Schindler daran zu klären, was wir hoffen können und was wir tun sollen. Er beginnt – ganz kantianisch – mit der Frage: Was ist der Mensch? Dazu widmet er sich zunächst einmal zentral der Funktionsweise des Gehirns (Kapitel 2). Schindler führt hier allerhand neue Begriffe ein, um sein Verständnis des Gehirnsystems klar zu umreißen (Schindler ist Automatisierungsingenieur und von daher über die dort verwendete Systemtheorie in seinem Denken anschlussfähig für allerlei sozialwissenschaftliche und neurologische Phänomene). Bedeutsam ist für ihn etwa der Begriff des ‚Zuwendungsbegutachters‘ – einer postulierten Einheit im Gehirn, die aus der Masse prinzipiell auf den Menschen einströmender Informationen selektiert. Schindler folgt dabei der ebenso klaren wie in Teilen der Sozialwissenschaft (noch) verpönten Idee, dass sich aus der Summe vieler neurologischer Befunde, also empirisch-anthropologisch erhellen lassen sollte, wie der Mensch beschaffen ist und was sich – von diesen Befunden ausgehend – für sozialtechnologische Interventionen, sprich: gesellschaftliche Reformen lernen lässt.

Er variiert im weiteren die Maslow’sche Bedürfnispyramide, indem er deren materielle wie immaterielle Seite differenziert, führt das Konzept des menschlichen ‚Vitalsystems‘ ein, das ethnologisch geschrieben mit ‚Kultur‘ übersetzt werden kann. Dies leitet über in das zentrale Kapitel 3, in dem nämlich das Scharnier zwischen Psyche und Welt als „Prinzip der differenziellen Ästhetik“ eingeführt wird. Damit ist gemeint, dass es dem Menschen im wesentlichen um die – im Vergleich zum Status quo – bessere Befriedigung von menschlichen Bedürfnissen geht – gleichwohl mit der Betonung, dass diese Bedürfnisse letztlich immer emotional, sinnlich, häufig genug vor-bewusst erlebt werden. Materielle Bedürfnisse gibt es demzufolge nur insoweit diese eine ästhetische Ebene betreffen, sie sind letztlich also in dieser Hinsicht Mittel zum Zweck.

Kapitel 4 und 5 spannen sodann einen weiten Bogen von einer in den vorgehend entwickelten Perspektiven orientierten Gesellschaftskritik (Kapitel 4: Kultur und Marktwirtschaft) und einer ganzen Reihe von Erfordernissen einer gesellschaftlichen Praxis, die nicht Desaster, sondern Kultur ermöglichen oder herstellen soll (Kapitel 5). Hier entwirft Schindler nun ein recht atemberaubendes Panorama möglicher Lösungswege. Es kann dieses zwar kaum vollständig sein, zeigt dabei jedoch immerhin immer wieder exemplarisch auf, beispielsweise an der Praxis des Neoliberalismus, wie eine empirisch-anthropologische fundierte Gesellschaftskritik aussehen kann. Und das ist großartig, innovativ, für manchen sozialwissenschaftlichen Leser geradezu subversiv. Aber es ist auch ein Advent dessen, was uns in den Sozialwissenschaften erwarten wird.

Denn es gibt – nicht nur diese – eine bemerkenswerte Schnittstelle zwischen Schindler und anderen sozialwissenschaftlichen Innovationen. Die gesamte Argumentationsweise „von unten nach oben“ erinnert schon an Thomas Hobbes‘ Argumentation ‚more geometrico‘, wie dieser sie im "Leviathan" entfaltete – damals freilich nur auf philosophisch-anthropologischer Basis, d.h. noch ohne systematische empirische Fundierung. Christoph Meißelbach vom Dresdner Institut für Politikwissenschaft wurde jüngst promoviert mit einer Arbeit über genau diese empirischen-anthropologischen Fundamente von sozialwissenschaftlichen Theorien. Und das Schindler‘sche Ästhetik-Prinzip ist im Grunde nichts anderes als eine Formalpragmatik des „guten Lebens“. Sie ist bemerkenswert nicht-essentialistisch (weil empirisch fundiert) und nicht-paternalistisch (weil nur formale Kriterien von „gut“ angebend, keine inhaltliche Aufladung betreibend). Das ist ganz ähnlich dem, was gerade dieses Jahr der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa in seinem Buch bei der Bestimmung des guten Lebens zu unternehmen versucht hat: Was bei Schindler das Ästhetik-Prinzip ist, ist bei Rosa ‚Resonanz‘. Es ergeben sich bemerkenswert ähnliche Einsichten: Beide nämlich halten ein dauerhaftes Leben in höchsten ästhetischen Sphären oder größtmöglicher Resonanz für unmöglich. Nicht nur zur Liebe, sondern zum Leben an sich gehört immer auch: Leiden. Dies mit sozialwissenschaftlichen Mitteln ohne Bevormundung und damit in großer liberaler Tradition stehend mildern zu wollen, ist in „Desaster oder Kultur?“ das Verdienst Schindlers. Wer die Freiheit der Menschen bewahren will, ohne jeglichen Anspruch auf Gesellschaftskritik aufzugeben, der sollte – gemeinsam mit Eckhard Schindler – helfen, diesem Projekt die größtmöglichen Blühten zu verschaffen.

Laudato Sí – Die christliche Begründung der Lebensstilorientierung in der Umweltfrage

von Erik Fritzsche

„Gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, Mutter Erde, die uns erhält und lenkt und vielfältige Früchte hervorbringt und bunte Blumen und Kräuter.“ So sang der Namenspate von Papst Franzsikus, der heilige Franz von Assisi, im 13. Jahrhundert in seinem ‚Sonnengesang‘ – dem ältesten Zeugnis italienischer Literatur. Die ersten Worte eines päpstlichen Rundschreiben (d.h. einer ‚Enzyklika‘) werden traditionell zur Bezeichnung des Schreibens herangezogen – so auch bei Franziskus‘ zweiter Enzyklika: Laudato Sí, mí Signore – Gelobt seist du, mein Herr.

Modereco, in Kooperation mit der Katholischen Akademie Dresden-Meißen, empfing am vergangenen Donnerstag ab 19 Uhr im Kunstraum Dresden Ulrich Clausen vom Dresdner Ordinariat des Bistums Dresden-Meißen. Leitfrage war, was es mit jenem Papst und seiner vielbeachteten ‚Umweltenzyklika‘ auf sich hat.

Tatsächlich entspann sich unter den Anwesenden ein besonders fruchtbares und sehr dichtes Gespräch. Ulrich Clausen dozierte nämlich nicht einfach über die Enzyklika, sondern ging sehr ruhig und besonnen auf vielerlei Zwischenfragen und Anmerkungen ein. Zu erfahren war, wie so eine Enzyklika im Vatikan überhaupt entsteht und dass sich Franziskus‘ Text – recht selten für ein päpstliches Rundschreiben – nicht nur an Kirchenvertreter, sondern an alle Menschen richtet. Zum ersten Mal wurden in ihr die umwelttheologischen Aussagen der katholischen Kirche zusammengebunden und so eine Belegstelle geschaffen, mit der Gläubige und an kirchlichen Positionen Interessierte sich informieren können. Zudem ist der Text in einer bemerkenswert einfachen Sprache gehalten: Er lädt zum Schmökern ein.

Drei zentrale Einsichten lassen sich festhalten. Für Christen dürfte es eine gewisse Akzentverschiebung gegenüber ihrem alltäglichen gelebten Glauben bedeuten, wenn Franziskus in seiner Enzyklika der klassischen Zweierbeziehung zwischen Gott und Mensch konsequent die Schöpfung mit all ihren Geschöpfen zu Seite stellt. Letztere nachhaltig zu beschädigen und sich nicht am Leitsatz von „Bebauen und Bewahren“ zu orientieren, ist wenig christlich (korrekter theologischer Begriff hierfür und vom Papst so klar auch verwendet ist jener der Sünde). In der Enzyklika unterstreicht der Papst infolgedessen auch die Harmonie des Lebens Jesu mit der Schöpfung.

Franziskus hat die Konsequenzen aus einem solchen Auftrag zum Bebauen und Bewahren der Schöpfung keineswegs nur auf die Politik bezogen – auch wenn im Zuge der Klimakonferenzen Politiker sicherlich zentrale Adressaten der Enzyklika sind. Ebenso wenig hat der Papst einer einseitigen Innovationsorientierung das Wort geredet, die er für Hybris hält. (Nebenbei bemerkt zeigt beides, dass sich am Christentum orientierende Politiker nach Lektüre dieser Enzyklika einige kritische Fragen zu ihrer an Wachstum und Innovationsverdichtung orientierten politischen Programmatik stellen müssen.) Was Franziskus jenseits von Politik und Innovationen in den Blick nimmt, ist für uns bei Modereco e.V. der zunächst wichtigste Ansatzpunkt: nämlich die individuellen Lebensstile. Tatsächlich ist das Christentum eine die Einzelnen zur Umkehr adressierende Religion: Egal wie schlimm die Lage der Welt ist, wie aussichtslos das Unterfangen scheint, der Christ darf und soll an einer besseren Welt mitwirken – und zwar ganz in dem Bewusstsein seiner eigenen und unvermeidlichen Fehlbarkeit. Insofern sind christliche Gemeinden wohl ein nahezu perfekter Ort, um – ohne erhobenen Zeigefinger – an den Lebensstilen einer schöpfungsbewahrenden Zukunft zu üben. Hinzu kommt die – schon bei Franz von Assisi angelegte – Verbindung von Schöpfungsbewahrung und Armut – dem zweiten großen Thema dieses Papstes! Denn für Papst Franziskus, der eine arme Kirche für die Armen will, ist die Armut etwas Edles. Eine gewisse nicht-existentielle Armut ist geradezu ein Mittel zur Verwirklichung wichtiger christlicher Werte. Damit bieten uns der Papst und sein Namenspate – in Distanz zueinander von fast 700 Jahren – einen ganz anderen Klang der Armut als dies heutzutage der Fall ist.

Schließlich bemerkenswert ist, wie wenig Franziskus dem – ohnehin meist uninformiertem – Klischee des weltfremd-konservativen Kirchengelehrten entspricht. Durchgängig nämlich ist Laudato Sí mit dem Aufruf verbunden, Christen und Nichtchristen in der „Sorge um das gemeinsame Haus“ zusammenzuführen. Bodenständig und um die Weisheit der Völker wissend, schreibt Franziskus:

„Wenn wir die Komplexität der ökologischen Krise und ihre vielfältigen Ursachen berücksichtigen, müssten wir zugeben, dass die Lösungen nicht über einen einzigen Weg, die Wirklichkeit zu interpretieren und zu verwandeln, erreicht werden können. Es ist auch notwendig, auf die verschiedenen kulturellen Reichtümer der Völker, auf Kunst und Poesie, auf das innerliche Leben und auf die Spiritualität zurückzugreifen. Wenn wir wirklich eine Ökologie aufbauen wollen, die uns gestattet, all das zu sanieren, was wir zerstört haben, dann darf kein Wissenschaftszweig und keine Form der Weisheit beiseitegelassen werden, auch nicht die religiöse mit ihrer eigenen Sprache.“ (63)

Wer in zunehmend spezialisiertere Politik- und Wissenschaftsbetriebe blickt, wünscht sich sehr, dass der Geist dieser päpstlichen Forderung nach dem Umgang mit Wissen mehr Verbreitung bekäme. In Zeiten wie diesen, in denen alle Probleme der Menschheit mit Technik gelöst werden sollen, stimmt diese Forderung beinahe melancholisch.

Andererseits sind wir als Akteure der Zivilgesellschaft und als Mitglieder in den religiösen Gemeinden eben gerade nicht dazu verurteilt, jene Fehler zu machen, die unsere Eliten bei der Ausdifferenzierung der Institutionen gerade begehen. Der zentrale Leitgedanke von Modereco e.V. ist auch der des Papstes – und recht eigentlich des Christentums überhaupt: dass es nämlich neue, in diesem Fall umweltverträglichere Lebensstile sein werden, aus denen heraus sich politische Realitäten erst formen lassen. Wer wüsste das besser als die Christen: Waren es nicht sie, die auf diese Weise von einer bekämpften Sekte (von Kaiser Nero noch zum Sündenbock für den Brand Roms gemacht) zu der Religionsgemeinschaft im Römischen Reich aufstiegen und schließlich im 3. Jahrhundert Staatsreligion wurden – mit weitreichenden und doch recht positiven Folgen für unsere gesamte europäische Kultur?

Dank Ulrich Clausen entstand am Donnerstagabend eine an unseren Fragen und unserer Neugier ausgerichtete, mosaikhafte Auseinandersetzung mit vielen wichtigen Aspekten der päpstlichen Enzyklika. Dabei schlossen sich Kreise: Denn es war zu bemerken, dass Modereco eben auch nur ein Kind jener Kultur ist, zu deren Glanz die katholischen Kirche ganz wesentliches beigetragen hat.

Papst Franziskus, 2015, Laudato si`: Über die Sorge für das gemeinsame Haus: Die Umwelt-Enzyklika mit Einführung und Themenschlüssel, Stuttgart: Bibelwerk-Verlag. ISBN: 978-3-460-32134-2.

 

fairmondo - Genossenschaft 2.0 - Modell für eine faire Wirtschaft?

Kommt zu unserem Vortrag am 20. April 2016, 19:00 Uhr im "Kunstraum" des Umweltzentrums Dresden 01067 Dresden.

Thema: fairmondo - Genossenschaft 2.0 - Modell für eine faire Wirtschaft?

Referent: Christian Peters von fairmondo

Was ist fairmondo?

Ganz einfach: fairmondo ist die Alternative zu den Marktriesen im Online-Handel und steht für Nachhaltigkeit, Transparenz und Fairness.

Wenn Ihr mehr wissen wollt, dann kommt vorbei. Wir freuen uns auf Euch!

Tag des guten Lebens

Als der Sozialwissenschaftler Davide Brocchi 2011 sein Konzept eines "Kölner
Sonntags der Nachhaltigkeit" verfasste, tat er dies vor der
Hintergrundfrage: Wie muss seine Heimatstadt aufgestellt sein, um bei einer
Öl-, Wirtschafts- oder Klimakrise weiterhin gut zu funktionieren? Diese
Frage berührt die Widerstandsfähigkeit von Städten, auch "Resilienz"
genannt. Brocchi ließ sich dabei auch von der Transition-Town-Bewegung
inspirieren, die von Großbritannien kommend dazu anregt, unsere Städte und
Dörfer nachhaltiger zu machen.

Brocchi hatte die Vision, dass viele Kölner sich auf Ebene ihres
Stadtviertels und ihrer Straße mit Nachhaltigkeit befassen und über die
Transformation ihrer Stadt nachdenken. Er wünschte sich einen Tag, an dem
die Straßen leergeräumt sind von Autos und der öffentliche Raum für die
Menschen verfügbar ist, die ihn beleben. 2013 war es dann soweit. Zwar
gelang es ihm nicht, politische Unterstützung für ganz Köln zu erhalten,
aber er hatte 50 Organisationen in ein Netzwerk geholt und die Unterstützung
der Bezirksvertretung Köln-Ehrenfeld gewonnen. In diesem Stadtbezirk fand
dann 2013 auch der erste "Tag des guten Lebens" statt, bei dem die Straßen
tatsächlich frei von Autos waren und die Anwohner ihr Viertel feierten.
100.000 Besucher schätzte die lokale Presse und 2014 und 2015 gab es
Neuauflagen des erfolgreichen Festes.

Im Herbst 2015 veröffentlichte Brocchi nun einen Rückblick auf seine
Erfahrungen. Er beschreibt darin die Entstehungsgeschichte des "Tag des
guten Lebens", schildert Erfolge und Hemmnisse durch die Lokalpolitik,
beschreibt wie Erfolg und Fördergelder die Gruppendynamik im
Organisationsteam beeinflussten und gibt so einen interessanten
sozialwissenschaftlichen Einblick in ein soziokulturelles Experiment.

Aus seinen Erfahrungen ließe sich auch für Dresden lernen. Auch in der
sächsischen Landeshauptstadt gibt es dutzende Vereine, Gruppen und
Initiativen, die sich mit Nachhaltigkeit befassen. Mit dem Umundu-Festival
ist der Gedanke des "Feierns" schon in der Stadt verankert, auch wenn Umundu
bislang nur eine stark begrenzte Zielgruppe erreicht. Die Stadtverwaltung
hat mit dem "Zukunftsstadt"-Prozess ebenfalls eine neue Beschäftigung mit
Nachhaltigkeitsfragen angesetzt, das Klimaschutzbüro diskutiert den
Stadtwandel im Rahmen des Klimawandels und über den Deutschen Städtetag und
Anfang 2016 könnte sich der Stadtrat mit einer Resolution zu den
UN-Milleniumszielen positionieren und somit Nachhaltigkeitsfragen ernet auf
die städtische Agenda setzen. Politisch ist also Bewegung in Dresden. Lernen
ließe sich von Köln und Davide Brocchi. Könnte es auch in Dresden einen "Tag
des guten Lebens" geben?

Mehr zu Davide Brocchis Gedanke lest Ihr hier: Klick!

Modereco im Loseladen zu Gast

Am Freitagabend, den 27.11.2015 haben unsere beiden Vorsitzenden, Erik und Alex, im Lose-Laden von Berit Heller in der Dresdner Neustadt unseren Modereco e.V. vorgestellt. Im Lose-Laden gibt es jeden letzten Freitag im Monat einen Diskussionsabend, zu dem nun erfreulicherweise wir von Modereco eingeladen wurden. Das passte auch gut: Immerhin leistet Berit Heller mit ihrem Laden wichtige Pionierarbeit in Sachen Nachhaltigkeit. Bei ihr lassen sich nämlich allerhand Dinge des täglichen Bedarfs, vom Müsli über die Zahnbürste bis hin zum Spülmittel und Toilettenpapier, ganz ohne Verpackungsmaterial kaufen. Das ist natürlich ganz Modereco: Denn Berit Heller zeigt nicht nur, das geht, was allgemein als „unmöglich“ angesehen wird, sondern dass dergleichen in einem – eben gerade wegen der fehlenden schnöden Plastikverpackungen – stimmungsvollem Lädchen arrangiert werden kann. Hier greift Ästhetik, gute Produkte und ein ressourcenschonender Umgang mit unserer Umwelt Hand in Hand. Ein Abstecher in die Böhmische Straße 14 in der Dresdner Neustadt ist darum für alle Anhänger der ‚Grünen Moderne‘ ein Muss!
Umso mehr freuen wir uns, dass wir einem interessierten Publikum die Philosophie von Modereco nahebringen konnten: Nachhaltig – besser – leben! Das kann nicht nur die grüne Avantgarde, sondern auch die Mehrheitsgesellschaft! Wir bedanken uns darum für diese Gelegenheit, die uns nicht nur eine charmante Ladenbesitzerin und ebenso charmante ZuhörerInnen bescherte, sondern musikalisch auch außerordentlich schön begleitet wurde: Ein Liedermacher gab eine Kostprobe seiner verträumten Musik zum Besten, dessen Darbietung im Laufe des Abends wirkungsvoll zwischen heiteren und melancholischeren Stücken changierte.
 
Ganz herzlichen Dank für den schönen Abend!

Wenn der Sonntagsbraten zum Alltagsbraten wird

Iwelina Fröhlich präsentiert den ‚Fleischatlas 2014‘

Woher kommt unser Fleisch? Wie wird es hergestellt? Was sind die Folgen? Was können wir daran ändern? Diesen Fragen sind wir am vergangenen Dienstag in unserem 1. Modereco-Gespräch, gemeinsam veranstaltet mit der Heinrich Böll Stiftung, im Kunstraum des Umweltzentrums nachgegangen. Zu Gast bei uns war Iwelina Fröhlich von der Bundesleitung des Vegetarierbundes Deutschland (VEBU). Sie hat in einem beeindruckenden Vortrag vor ca. 30 Besuchern den ‚Fleischatlas 2014‘ vorgestellt – einer äußerst öffentlichkeitswirksamen Publikation der Böll Stiftung, des BUND und der Le Monde Diplomatique. Dabei präsentierte sie allerhand Daten und Fakten zum Fleischkonsum. Sie zeigte auf, wie global die industrialisierte ‚Fleischproduktion‘ ist und welche ökologischen Folgen dies hat. Dabei ging sie auch auf die qualvollen Zustände ein, unter denen die Tiere aufwachsen und geschlachtet werden. Die Notwendigkeit, weniger Fleisch zu essen, wurde so nicht nur vor dem Hintergrund der Produktionsfolgen einsichtig, sondern auch gesundheitliche Überlegungen bestärken dies.

Iwelina schloss in ihrem überzeugenden Plädoyer mit lustmachenden Hinweisen zu guter, gesunder vegetarischer oder gar veganer Ernährung. Wir Modereci meinen, wenn der Sonntagsbraten zum Alltagsbraten geworden ist, können wir wieder nachdenken: über das richtige Maß und die richtige Mitte.

Der Fleischatlas 2014: Essen ist nicht nur lebensnotwendig; es besitzt auch eine politische und ethische Dimension. Was hat das Schnitzel auf unserem Teller mit dem Regenwald in Brasilien zu tun? Wie werden Nutztiere gehalten, und welche Auswirkungen hat Massentierhaltung auf Hunger, Armut und Umwelt? Wo gibt es bäuerliche Viehzucht, bei der Tiere und Landflächen aufeinander abgestimmt sind? Die Antworten auf diese Fragen stehen nicht auf den Verpackungen im Supermarkt, aber im jährlich erscheinenden Fleischatlas, den die Heinrich-Böll-Stiftung in Zusammenarbeit mit BUND und Le Monde diplomatique herausgegeben hat. Kurze Essays und eine Vielzahl anschaulicher Abbildungen bieten Wissenswertes rund um den Fleischkonsum. (Quelle: Böll Stiftung)

In den Modereco-Gesprächen laden wir Fachreferenten und interessante Persönlichkeiten ein, um mit ihnen über Maß und Mitte im 21. Jahrhundert zu sprechen.

Modereco Gespräch: Daten und Fakten uber Tiere als Nahrungsmittel!

Viel zu selten fragen wir uns, was wir eigentlich gerade essen. Dabei ist Essen nicht nur ein kulinarischer Genuss, sondern eine politische und ethische Entscheidung und stellt immer wieder aufs Neue Fragen an unsere Verantwortung. Was hat das Schnitzel auf unserem Teller mit dem Regenwald im Amazonas zu tun? Und wie hängt es mit ländlicher Armut und Hunger in Kamerun zusammen? Wie werden die Tiere, die wir essen, gehalten und welche Auswirkungen hat die Massentierhaltung auf unser Klima?

All diese Fragen lassen sich nicht allein durch einen Blick auf die Verpackung von Wurst und Fleisch im Supermarkt beantworten. Gerade darum ist es der Heinrich-Böll-Stiftung und dem BUND ein Anliegen, über die vielfältigen Dimensionen der Fleischproduktion dessen Konsum zu informieren und Alternativen aufzuzeigen.

Mit unserem Atlas möchten wir Sie einladen zu einer Reise um die Welt und Einblicke in globale Zusammenhänge geben, die mit unserem Fleischkonsum verbunden sind. Denn nur informierte und kritische Konsumentinnen und Konsumenten können richtige Entscheidungen treffen.

Nachdem der Fleischatlas 2013 gezeigt hat, welche Auswirkungen Europas Fleischkonsum auf die Schwellen- und Entwicklungslän- der und auf das Klima hat, bringt der Fleischatlas 2014 Licht ins Dunkel des „Big Business“ Fleisch - von Europa, über die USA bis hin zu den aufstrebenden Volkswirtschaften China und Indien.

Wie viele Tiere werden in Deutschland und der Welt jährlich ge- schlachtet? Wer profitiert vom billigen Fleisch? Welche Hormone landen ungewollt auf unserem Teller, und wie viele Pestizide werden eingesetzt?

Iwelina Fröhlich ist ist Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Didaktik der politischen Bildung der Technischen Universität Dresden. Sie ist ebenfalls Mitglied der Bundesleitung des Vegetarierbunds Deutschland (VEBU) und betätigt sich seit mehreren Jahren im Bereich Vegetarismus & Veganismus sowie nachhaltige Konsum- und Ernährungsformen.

Der Fleischatlas ist ein Kooperationsprojekt der Heinrich-Böll- Stiftung, des BUND und der Le Monde diplomatique.

Moderecos Sommerfest

Du bist bereits Modereco-Mitglied und willst in lockerer Runde plaudern. Oder du willst unseren Verein kennenlernen und erfahren, was wir da so treiben.

Dann bist du herzlich zu unserem Sommerfest am 15. August 2015 eingeladen.
Du findest uns ab 14 Uhr am japanischen Palais an der Elbe. Erkennen wirst du uns an den bereits bekannten Gesichtern oder an der Modereco - Fahne. (Damit du nicht ausversehen auf der falschen Picknickdecke landest.)

Da wären wir schon beim nächsten Punkt. Zu einem Sommerfest gibt es ja meist was Kulinarisches.
Du hast bestimmt ein total leckeres Rezept von einem leckeren Gericht oder Getränk. Bereite es zu und bring es einfach mit. Wir sind gespannt.

Da wir ein Nachhaltigkeitsverein sind, bring bitte eine Decke oder eine für dich passende Sitzmöglichkeit mit. Geschirr und Besteck. Vielleicht hast du auch ein tolles Outdoorspiel.

Dann bleibt nur zu hoffen, das Petrus es gut mit uns meint. Ansonsten gibt es am japanischen Palais Unterschlupfmöglichkeiten.

Über eine Rückmeldung bis zum 9. August 2015, ob du kommst und was du mitbringst, freut sich Janine. (friedrich.janine@web.de). Falls du noch Fragen hast, schreib ihr einfach eine Mail.

Wir sehen uns. Bis bald.

Über Maß und Maßlosigkeit im Web 2.0 – Dave Eggers schreibt das „1984“ unserer Zeit

Buch: Dave Eggers - Der Circle

Wem dieser Tage in der Straßenbahn oder im Café ein signalroter Wälzer mit einem kryptischen Symbol auf dem Cover auffällt, der hat höchstwahrscheinlich Dave Eggers‘ neuen Bestseller „Der Circle“ erspäht. Da die Textgattung Buchrezension ein hohes Maß an Subjektivität zulässt, darf ich diesen Satz schreiben: Hören Sie auf, anderen beim Lesen zuzuschauen – und lesen Sie dieses Buch selbst! Sie werden Ihre Facebook-Aktivitäten, Ihre Kartenzahlungen und Ihre Arztbesuche mit anderen Augen sehen. Ach ja: und Ihren nächsten Waldspaziergang.

Der Circle – so heißt ein gigantisches Unternehmen in der San Francisco Bay Area, der neue Megastar im Herzen des Silicon Valley. Geniale IT-Experten mit einem Riesenhaufen Geld im Rücken entwickeln am laufenden Band Hard- und Softwarerevolutionen, die eine ständig wachsende Zahl von Menschen anziehen wie Kuhmist die Fliegen: einen einzigen Account für alle technischen, finanziellen und medizinischen Angelegenheiten des menschlichen Daseins; ein lückenloses System von hundertmillionenfach in der Welt verstreuten, lollygroßen, autonomen Echtzeitkameras; ein soziales Netzwerk, dessen Sogwirkung das Facebook öder erscheinen lässt als das Telefonbuch von Lüdenscheid. Die Innovationskraft des Circle kennt kein Maß und keine Mitte, und das fasziniert, zuerst Tausende, dann Millionen und schließlich Milliarden.

Als die junge und idealistische Mae Holland ihren Job beim Circle antritt, tun sich der Campus und seine Atmosphäre von Gemeinschaft, Kreativität und Liberalität vor ihr auf wie ein irdisches Paradies. Hier also entsteht sie: die neue, die vermeintlich bessere Welt von morgen, demokratisch, gerecht, völlig durchrationalisiert, die Welt, in der wir alle leben wollen. Oder etwa nicht? Stück für Stück wird Mae vom Circle und seinen Verheißungen aufgesogen, und Stück für Stück erwachsen daraus verheerendere Folgen, für sie, für ihre Familie und Freunde und schließlich für die Menschheit im Ganzen. Während die Hauptfigur immer tiefer in den Strudel hineingerät und dabei mit größter Zuverlässigkeit sämtliche Warnzeichen ignoriert, ja sogar zunehmend begeistert und schließlich fanatisiert wird, schwant dem Leser Böses. Dann, auf den letzten 150 Seiten, legt der Autor noch einmal richtig los. Mehr wird nicht verraten.

Dave Eggers dreht mit „Der Circle“ das ganz große Rad. Dabei ist seine Idee gar nicht neu, im Gegenteil. „Der Circle“ ist weder Tatsachenroman noch Sachbuch, wenngleich er viele erschütternd vertraute Berührungspunkte mit unserem Leben aufweist. Er ist eine Dystopie, also eine Anti-Utopie, eine negative Zukunftsvision, eine idealtypisch gezeichnete Entwicklungsgeschichte hinein in die gesellschaftliche Katastrophe. Vorgänger und deutliches Vorbild ist die Dystopie „1984“, in der George Orwell kurz nach dem Zweiten Weltkrieg und unter dem Eindruck von Nationalsozialismus und Stalinismus das Horrorszenario der perfekten totalitären Diktatur entwirft. Viele Bausteine aus „1984“ setzt Eggers geistvoll variiert ein, etwa den allmächtigen „Big Brother“ (die „Drei Weisen“), die nicht abschaltbaren Kommunikationsgeräte (omnipräsente Kameras, Monitore, Armbänder etc.) oder die allgegenwärtigen Parolen, die auf dem Campus verstreut den Brainwash der Figuren vervollkommnen. LESEN SIE DIESES BUCH. (Gut, das war ich.)

In einem Punkt jedoch weicht Eggers deutlich von Orwell ab, und das macht aus „Der Circle“ mehr als nur einen intelligenten Abklatsch von „1984“: In seinen Totalitarismus – den der neuen Zeit – begeben sich die Menschen völlig freiwillig hinein. Wir machen uns komplett gläsern, physisch wie psychisch? Wie praktisch! Wir werden immer und überall und bei allem gefilmt? Großartig! Wir teilen alles mit allen und jedem alles mit, jede Bewegung, jedes Erlebnis, jede noch so kleine Aktion oder Emotion? Vorbildlich sozial! Wir verlieren unsere Autonomie und unsere Individualität, und wir finden es wunderbar. Wir rühren den Zement unseres totalitären Gefängnisses höchstselbst an und mauern uns damit ein, und wir lieben es. Das Bonmot des Wiener Kabarettisten Michael Niavarani, Facebook sei Stasi auf freiwilliger Basis, verblasst völlig gegenüber dem grandiosen Szenario, das Eggers mit sprachlicher Gewandtheit und struktureller Klarheit errichtet. Scharf wie eine Satire, schwer wie ein Drama, seherisch wie Orwells Vision – nur zeitgemäßer. 

„Der Circle“ hat die intellektuelle Kraft, das „1984“ der 2.0-Ära und dessen zu werden, was anschließend kommt. Nicht mehr und nicht weniger. Auf keiner der 558 Seiten vermittelt Eggers den Eindruck, seine Leser verängstigen zu wollen. Seine besondere Leistung besteht darin, dass er nachhaltig sensibilisiert. Sensibilisiert für die technischen Möglichkeiten und die technische Versuchung jedes einzelnen Menschen und der Menschheit im Ganzen. Und sensibilisiert für die Gefahren, die sich auftun, wenn diese Versuchung in einer maßlosen, einer mäßigungslosen Welt ihre volle Wirkung entfaltet. Am Ende manifestiert sich eine – so freilich nirgends formulierte – Erkenntnis: Maß und Mäßigung in diese Welt zu tragen ist, wie bei allen Themen hier auf modereco.de, keine Aufgabe für die Menschheit. Es ist eine Aufgabe für den einzelnen Menschen. Wer sie nicht annimmt, der muss sich nicht wundern, wenn er eines Tages beim Waldspaziergang… na ja.

„Der Circle“ von Dave Eggers ist erschienen bei Kiepenheuer & Witsch und kostet 22,99 Euro.

Modereco gibt es nun auch im Web

Es ist das immer wiederkehrende Dilemma: Der gute Vorsatz stirbt schnell, wenn die konkrete Handlung fehlt:

Der Vorsatz ist ja der Erinnerung Knecht, stark von der Geburt doch bald durch Zeit geschwächt. [Hamlet, 3. Aufzug, 2. Szene]

So wollen wir als Verein ergründen, wie man die Absicht eines enkeltauglichen Lebens im Alltag wirklich umsetzen kann. Wie und womit kann man beginnen? Was hilft tatsächlich? Wie kann ich meinen Vorsatz im Leben verwirklichen?

Hierzu gehört es, auch hinter die vielen kleinen Dinge des Alltags zu schauen, sie auf den Prüfstand zu stellen, Alternativen in den Blick zu nehmen.

Unser Verein versteht sich als Experimentier- und Lernort. Schließlich gilt es, eine Vielzahl von möglichen Wegen in eine enkeltauglichen Zukunft aufzuzeigen, zu ergründen und schlichtweg zu erkunden. 

Uns geht es nicht um grüne Utopien oder Ideologien. Wir sind davon überzeugt, dass unsere Zukunft allein in unserem täglichen Handeln liegt. Unsere Alltagspraxen sind der Schlüssel zu einer Lebensweise, deren Maß durch die ökologischen und sozialen Umweltbedingungen bestimmt ist.

Wir laden alle Interessierten dazu, gemeinsam mit uns neue Alltagspraxen auszuprobieren. So kann jeder seinen Weg zu einer Ressourcen schondenderen Lebensweise finden. Der Weg ist das Ziel. Wir müssen nur aufbrechen.

P.S.: Das Design der Website folgt dem Ansinnen, Form und Funktion in Einklang zu bringen: „form follows funktion“. Dieses Credo der Bauhausbewegung beschreibt eindrücklich das Prinzip der Selbstbeschränkung. Die Reduktion auf das Wesentliche, den Inhalt, entspricht nicht nur dem eigentlichen Zwecks dieser Website, sondern spart auch noch – ganz banal – eine ganze Menge Strom. Es müssen nicht ständig neue Mediadaten vom Server geladen werden. Ästhetisch ist die Seite dennoch – finden wir zumindest. 

Wie viel und welchen Wohlstand können wir uns leisten?

Am vergangenen Donnerstag fand im Haus an der Kreuzkirche zu Dresden der erste Bürgerworkshop des Politischen Bildungsforums der Konrad-Adenauer-Stiftung statt. Das überwölbende Thema war „Wie wollen wir leben?“ Rund dreißig Dresdner Bürgerinnen und Bürger nahmen daran teil. In drei Foren wurden Probleme und Herausforderungen der Zukunft diskutiert – und wie sie am besten bewältigt werden können. Modereco veranstaltete dazu das Panel „Wie viel und welchen Wohlstand können wir uns leisten?“ 

Hierzu fragten unsere Modereci Carolin und Erik die Teilnehmer zum Beispiel nach dem, was ihnen heute fehlt, was sie nicht missen wöllten und worauf sie sich in der Zukunft freuen. Daraus entstand eine Diskussion rund um den Wohlstandsbegriff. Dabei ging es auch kontrovers zu. Zwar herrschte allgemein Konsens darüber, dass materieller Wohlstand nicht alles ist und Gesundheit, Kultur, Familie, Freunde und gesellschaftlicher Zusammenhalt wesentlich für ein gutes Leben sind. Ob und inwieweit materieller Wohlstand jedoch für diese immateriellen Wohlstandsquellen notwendige Voraussetzung ist, blieb umstritten. 

Insgesamt bezweifelten die Teilnehmer, dass  man das materielle Wohlstandsmodell unserer europäischen Kultur auf die ganze Welt ausdehnen kann. Fraglich schien vielen auch, ob man dieses Modell in alle Zukunft halten können wird. Kommerzkritik, Fragen einer schönen Stadtentwicklung und – sehr häufig – Sorgen um den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die natürliche Umwelt beschäftigten viele.

In einem weiteren Forum, geleitet vom Leiter des Sächsischen Politischen Bildungsforums der KAS, Dr. Joachim Klose, ging es um die Frage, wie wir zukünftig erinnern sollen. Architekturprofessor Prof. Niels-Christian Fritzsche wendete sich in einem dritten Diskussionsforum der zukünftigen Stadtgestaltung.

Wir sind dankbar, Teil des ersten KAS-Bürgerworkshops gewesen und mit einer großen Bandbreite an Teilnehmern ins Gespräch gekommen zu sein. Viele Modereco-Leitideen scheinen auch bei den “älteren Semestern“ auf Interesse zu stoßen. Darum ist dieser Veranstaltungsreihe eine erfolgreiche Fortsetzung sehr zu wünschen.