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"Vom Land in den Mund“ – ein Buch für mehr Durchblick über das, was auf den Tisch kommt, und einen Mentalitätswandel

27.11.2017 | von Benedikt Schönholz

Der Journalist Jan Grossarth plädiert in 21 Thesen dafür, die Nahrungsmittelindustrie neu zu gestalten. Erschienen sind sie schon 2016, aktuell aber trotz (oder gerade wegen) eines schier unauflösbaren Widerspruchs nach wie vor – nicht nur für Konzernstrategen, sondern jedermann.

An seinem Anspruch kann er eigentlich nur scheitern. Veröffentlicht hat ihn der Wirtschaftsjournalist Jan Grossarth bereits im vergangenen Jahr in dem Buch „Vom Land in den Mund“, in dem er in 21 knappen Kapiteln für eine Versöhnung von Ernährungsindustrie und „aufgeklärtem“ (vielfach zwischen Veggi-Begeisterung, Direktkauf beim Bio-Bauern und Urban Gardening oszillierendem) Großstadtbürgertum wirbt. Kapital(ismus) versus Moral(ismus) – wer hier eine Annäherung erreichen will, weiß um die gewaltige Herausforderung, zu der Grossarth seinen spannend geschriebenen Beitrag leistet. 

Obgleich schon eine Weile auf dem Markt – und nun als Band 1680 der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung für 4,50 Euro zu haben –, lohnt das flüssig geschriebene 160-Seiten-Werk gerade wegen des Anspruchs, den „Blick der Landwirte auf das Leben“ zu weiten wie auch des „Verbrauchers auf die industrielle Realität“. Selbst, wenn es für den einen oder die andere nur darum ginge, den jeweiligen „Gegner“ besser zu verstehen. 

Die große Frage freilich bleibt: Wie soll das klappen, wie dieser Widerspruch „zwischen Herz und Kopf“ (Grossarth) aufgelöst werden, angesichts vielfach berechtigter Empörung über die realexistierenden Umstände industrieller „Tier- und Pflanzenproduktion“ auf der einen und einer weiter wachsenden Weltbevölkerung auf der andern Seite? Wie soll sich was ändern, wenn hierzulande nur durchschnittlich zwölf Prozent vom Einkommen für Lebensmittel ausgegeben werden und „Geiz ist geil“ nicht aus den Köpfen zu bekommen ist, während es gar nicht so wenige Menschen gibt, die sich dennoch nachhaltig erzeugte Lebensmittel nicht leisten können? Dass im Produktivitätswettlauf Arten- oder Bauernhofvielfalt auf der Strecke bleiben, verstehe sich jedenfalls von selbst, schreibt Grossarth, und sich daran was ändern müsse, auch – zunächst einmal bei der Nahrungsmittelindustrie. Diese solle lernen, genau hinschauen, Profitmaximierung nicht zur ultima ratio erheben. Mhm, wer jetzt nachdenklich wird … dem sei‘s gegönnt.

Denn die Diskrepanz reicht längst so weit, dass sich (wohl nicht nur) in Sachsen Bauern hinter vorgehaltener Hand die Frage stellen, wie lange sich die Menschheit die seit Jahren staatlich geförderte Aufforstung landwirtschaftlicher Flächen in agrarwirtschaftlichen Gunsträumen wie dem unsern noch werde leisten können. 

Grossarths Vorschlag für eine „Versöhnung“ zwischen Industrie und Wohlstandsgesellschaft ist eigentlich eine Forderung – an die Adresse der Erzeugerseite, die sich „neu erfinden muss“, aber „ohne … das Beste über Bord zu werfen …: eine hohe Produktivität“. Wer das liest, ruft aus: „Ja!“ Und verzweifelt hinterher: „Aber wie?!“

Denn da bleiben die vorgestellten Ansätze im ziemlich Ungefähren. Grossarth setzt auf Erkenntnis bei allen Beteiligten, Einsicht auch, dass es anders gar nicht gehe. Wenn er und wir alle uns mit ihm da mal nicht täuschen (lassen) … Denn dem seit Jahren mit der Lage vertrauten Fachmann ist klar, dass die Industrie selbst den Widerspruch zwischen automatisierter Produktion und Bäuerinnen, die in Werbefilmchen Joghurt anrühren, zwischen Backfabriken und nett grinsenden Köchen, die den Löffel bei der Kuchenherstellung schwingen, in die Köpfe der mehr und mehr auch in Dörfern von der landwirtschaftlichen Realität entfremdeten nachwachsenden Generation eingepflanzt hat. Das ist der eine Teil der Wahrheit. Der andere – „ohne Zynismus“: „Gemessen an dem, was auf dem Teller liegt, kann ein Arbeitsloser heute besser leben als der Adel im Mittelalter.“ Industrie einseitig zu verteufeln, sei demnach fehl am Platz.

So schreibt Grossarth an gegen Entfremdung zwischen Stadt und Land, „denn es gibt nicht nur ein Überangebot an Milch, sondern auch ein Informationsdefizit“. Stimmt das aber? Oder sehen wir nur, was wir sehen wollen? Über allem steht schließlich eine Produktionslogik, die als ehernes Gesetz nur das „immer mehr“ kennt, Rationalisierung also, Mechanisierung und – damit einhergehend – der schwindende Überblick darüber, wie ein Stück Fleisch auf den Tisch gelangt oder ein Netz voller Kartoffeln. Ein „eher weniger“ ist da hinderlich.

Um in Zeiten harten internationalen Wettbewerbs die Ambivalenz herauszuarbeiten zwischen Handarbeit und vollautomatisierter Massenproduktion, Genmais und Ökoprodukten, Etikettenschindel und Stadtgärtnern führt Grossarth viele Beispiele an: von Selbstversorgern im Kleinen bis zur Gefahr der „totalen Vereinnahmung allen Lebens als Ressource“ im Großen, die er natürlich sieht, von einer Wegwerf-, die zur Kreislaufwirtschaft umgewandelt werden müsse, der Notwendigkeit von Technikeinsatz bei gleichzeitig weitgedachter Ressourceneffizienz. 

Grossarth wird dabei auch hinreichend konkret, etwa, wenn er für das Jahr 2014 die durch Russland verhängte Importsperre für Lebensmittel aus EU und Amerika am Beispiel „Schweinefleisch“ rekapituliert: Innert kurzer Zeit blockierte Wladimir Putin damals dessen Einfuhr. Und Russland ist dabei eine große Nummer. Konsequenzen habe es für große Player am Markt wie den deutschen Tönnies-Konzern kaum gegeben. Nach dem russischen Importstopp wurde einfach verstärkt nach Japan, China, Korea, Mexiko, auf die Philippinen geliefert. Und Weißrussland exportierte auf einmal auffallend viele Zitrus- und Meeresfrüchte oder Parmesan zum großen Nachbarn, schreibt Grossarth, der dabei auch auf die Rolle der Mafia verweist und die Umetikettierung von Waren, um deren Herkunft zu verschleiern. Zudem lasse sich – nicht nur Veggis wissen es längst –, aus Schweine-Körperteilen noch eine Vielzahl anderer Utensilien herstellen: Seife etwa, Shampoo, Wachsmalstifte, Kerzen, Wachs für Parkettböden, Meisenknödel, Wurstpelle, Hundefutter, Arznei, ja, auch: Biodiesel. „Eher weniger“ – Fehlanzeige.

Grossarths Fazit: Ja, es ist kompliziert. Für jeden, der produziert und konsumiert (also alle), bedeute das wegzukommen vom „Man muss“ zum „Ich“, um etwa den vermeintlichen Gegensatz zwischen „künstlich-chemisch“ und „natürlich“ zu überwinden, der in unsern Breiten allzu oft zum Popanz aufgebaut wird. Denn, schreibt er, ohne die Industrie werde die Welt nicht zu ernähren sein – auch wenn etwa in Afrika nach wie vor Subsistenzwirtschaft das Gros der Menschen versorgt, mag man hinzufügen. Grossarths Hoffnung, Industrie könne, müsse gar Industrie bleiben, während aber nur richtig sei, was dem Menschen guttut, ist dabei zwar eine hehre (und umstrittene). Er will Evolution statt Revolution. „Den Menschen“ freilich gibt es genauso wenig wie „die Industrie“. 

Grossarth, Jan: Vom Land in den Mund. Warum sich die Nahrungsindustrie neu erfinden muss, Verlag Nagel & Kimche, München 2016, 17,90 Euro.