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Eckhard Schindler, Desaster oder Kultur? Das Ästhetik-Prinzip und der gesellschaftliche Fortschritt (Rezension)

14.11.2016

von Erik Fritzsche

Eckhard Schindler ist ein seltenes Phänomen: Er ist nämlich ein sozialwissenschaftlicher Autodidakt. Schindler ist damit ein Beispiel für das, was in der Wissenssoziologie mit dem Konzept der ‚Bürgerwissenschaft‘, der ‚Citizen Science‘, bezeichnet wird. In einer freiheitlichen Gesellschaft ist es schließlich schon dem Grundsatz nach so, dass neben der Politik und Kunst gerade auch die Wissenschaft nicht allein der Profession, sondern auch Amateuren zusteht. Ama-teure: das sind dem Wortsinn nach jene, die es ganz aus der Liebe zum Gegenstand in ihre (wissenschaftliche) Tätigkeit treibt. (Systematisch stimmig ist darum auch, dass das Bundesministerium für Bildung und Forschung eine entsprechende Förderrichtlinie für Bürgerwissenschaften hat. Berühmtester Bürgerwissenschaftler dürfte übrigens Alfred Schütz (1899-1959) sein; er war von Haus aus Jurist und wurde in seiner Freizeit zum Philosophen und Soziologen. Er begründete, gleichsam nach Feierabend, die ‚phänomenologische Soziologie‘.)

Vielleicht ist es diesen Amateuren vorbehalten, sich so kühn an eine Gesellschaftskritik zu wagen, deren Argumentationspfade durch die basalen Wirklichkeitsschichten des menschlichen Gehirns bis hinauf zur Weltgesellschaft reichen. Denn mit seiner Diagnose der ‚Professionalitätsfalle‘ (S. 164ff) ist eine wichtige Inspirationsquelle der Bürgerwissenschaft getroffen: Sie beklagt die im wesentlichen wenig produktive 'Schnipselforschung' innerhalb der Wissenschaften, die das Große und Ganze aus dem Blick zu verlieren droht. Schließlich passt längst nicht alles, was sich erkennen lässt und für uns Menschen im 21. Jahrhundert aufzuarbeiten notwendig erscheint, auf 25 Journalseiten.

Schindler ist – darin Aristoteles nachfolgend – ein zutiefst praktischer Bürgerwissenschaftler: Sein Ausgangspunkt sind reale Weltprobleme, seien es die konkreten Großgeiseln der Menschheit wie Armut, Hunger, Überbevölkerung, Ressourcenverschwendung, oder auch die dahinter liegenden, tiefenschichtigeren Probleme des Menschen mit sich selbst: sein Machtstreben, seine Kurzsichtigkeit, sein Regulierungs- und Sicherheitsstreben sowie sein Hang zur Verschwendung der (natürlichen) Ressourcen (Kapitel 1). Es sind Begrenzungskrisen und Maßlosigkeitskrisen, die Eckhard Schindler umtreiben.

Nach diesem ersten, düsteren Aufzug, in dem große und kleine Dämonen in kurzer Folge die Bühne betreten, liegt es Schindler daran zu klären, was wir hoffen können und was wir tun sollen. Er beginnt – ganz kantianisch – mit der Frage: Was ist der Mensch? Dazu widmet er sich zunächst einmal zentral der Funktionsweise des Gehirns (Kapitel 2). Schindler führt hier allerhand neue Begriffe ein, um sein Verständnis des Gehirnsystems klar zu umreißen (Schindler ist Automatisierungsingenieur und von daher über die dort verwendete Systemtheorie in seinem Denken anschlussfähig für allerlei sozialwissenschaftliche und neurologische Phänomene). Bedeutsam ist für ihn etwa der Begriff des ‚Zuwendungsbegutachters‘ – einer postulierten Einheit im Gehirn, die aus der Masse prinzipiell auf den Menschen einströmender Informationen selektiert. Schindler folgt dabei der ebenso klaren wie in Teilen der Sozialwissenschaft (noch) verpönten Idee, dass sich aus der Summe vieler neurologischer Befunde, also empirisch-anthropologisch erhellen lassen sollte, wie der Mensch beschaffen ist und was sich – von diesen Befunden ausgehend – für sozialtechnologische Interventionen, sprich: gesellschaftliche Reformen lernen lässt.

Er variiert im weiteren die Maslow’sche Bedürfnispyramide, indem er deren materielle wie immaterielle Seite differenziert, führt das Konzept des menschlichen ‚Vitalsystems‘ ein, das ethnologisch geschrieben mit ‚Kultur‘ übersetzt werden kann. Dies leitet über in das zentrale Kapitel 3, in dem nämlich das Scharnier zwischen Psyche und Welt als „Prinzip der differenziellen Ästhetik“ eingeführt wird. Damit ist gemeint, dass es dem Menschen im wesentlichen um die – im Vergleich zum Status quo – bessere Befriedigung von menschlichen Bedürfnissen geht – gleichwohl mit der Betonung, dass diese Bedürfnisse letztlich immer emotional, sinnlich, häufig genug vor-bewusst erlebt werden. Materielle Bedürfnisse gibt es demzufolge nur insoweit diese eine ästhetische Ebene betreffen, sie sind letztlich also in dieser Hinsicht Mittel zum Zweck.

Kapitel 4 und 5 spannen sodann einen weiten Bogen von einer in den vorgehend entwickelten Perspektiven orientierten Gesellschaftskritik (Kapitel 4: Kultur und Marktwirtschaft) und einer ganzen Reihe von Erfordernissen einer gesellschaftlichen Praxis, die nicht Desaster, sondern Kultur ermöglichen oder herstellen soll (Kapitel 5). Hier entwirft Schindler nun ein recht atemberaubendes Panorama möglicher Lösungswege. Es kann dieses zwar kaum vollständig sein, zeigt dabei jedoch immerhin immer wieder exemplarisch auf, beispielsweise an der Praxis des Neoliberalismus, wie eine empirisch-anthropologische fundierte Gesellschaftskritik aussehen kann. Und das ist großartig, innovativ, für manchen sozialwissenschaftlichen Leser geradezu subversiv. Aber es ist auch ein Advent dessen, was uns in den Sozialwissenschaften erwarten wird.

Denn es gibt – nicht nur diese – eine bemerkenswerte Schnittstelle zwischen Schindler und anderen sozialwissenschaftlichen Innovationen. Die gesamte Argumentationsweise „von unten nach oben“ erinnert schon an Thomas Hobbes‘ Argumentation ‚more geometrico‘, wie dieser sie im "Leviathan" entfaltete – damals freilich nur auf philosophisch-anthropologischer Basis, d.h. noch ohne systematische empirische Fundierung. Christoph Meißelbach vom Dresdner Institut für Politikwissenschaft wurde jüngst promoviert mit einer Arbeit über genau diese empirischen-anthropologischen Fundamente von sozialwissenschaftlichen Theorien. Und das Schindler‘sche Ästhetik-Prinzip ist im Grunde nichts anderes als eine Formalpragmatik des „guten Lebens“. Sie ist bemerkenswert nicht-essentialistisch (weil empirisch fundiert) und nicht-paternalistisch (weil nur formale Kriterien von „gut“ angebend, keine inhaltliche Aufladung betreibend). Das ist ganz ähnlich dem, was gerade dieses Jahr der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa in seinem Buch bei der Bestimmung des guten Lebens zu unternehmen versucht hat: Was bei Schindler das Ästhetik-Prinzip ist, ist bei Rosa ‚Resonanz‘. Es ergeben sich bemerkenswert ähnliche Einsichten: Beide nämlich halten ein dauerhaftes Leben in höchsten ästhetischen Sphären oder größtmöglicher Resonanz für unmöglich. Nicht nur zur Liebe, sondern zum Leben an sich gehört immer auch: Leiden. Dies mit sozialwissenschaftlichen Mitteln ohne Bevormundung und damit in großer liberaler Tradition stehend mildern zu wollen, ist in „Desaster oder Kultur?“ das Verdienst Schindlers. Wer die Freiheit der Menschen bewahren will, ohne jeglichen Anspruch auf Gesellschaftskritik aufzugeben, der sollte – gemeinsam mit Eckhard Schindler – helfen, diesem Projekt die größtmöglichen Blühten zu verschaffen.