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Was zum Maßhalten gehört…

29.06.2015 | von Erik Fritzsche

Die ‚Positive Psychologie‘ als Inspiration zu einem nachhaltig guten Leben

Arthur Schopenhauer (1788-1860) war in Bezug auf das menschliche Glück Pessimist. Für ihn war das Beste, was uns gelingen könnte, die Vermeidung von Unglück. Er war – dabei sehr buddhistisch inspiriert – der Auffassung, dass Welt, Wille und Vorstellung am besten nicht in Konflikt geraten sollten. Und da wir – wie Schopenhauer fand – die Welt schwer ändern könnten, wäre es besser, die eigenen Vorstellungen und somit den Willen an diese anzupassen. Akzeptanz statt sinnloser Jagd nach einem oft nur labilen Glückszustand – so könnte sein Motto gelautet haben. Ganz konsequent resümierte Schopenhauer dann auch über seine Philosophie : sie hätte ihm zwar nix eingebracht, doch immerhin vieles erspart!

Offenbar war dies auch die Devise der Psychologie – zumindest bis vor wenigen Jahren. Gemeinhin war die Psychologie nämlich immer daran orientiert, psychische Auffälligkeiten und Krankheiten zu erkennen, zu beschreiben, diagnostisch handhaben zu können und schließlich zu kurieren. Daran war natürlich nichts falsch. Aber einige Fachvertreter fragten sich, ob sie nicht vielleicht auch ganz anders herangehen könnten: Was nämlich könnten Merkmale nicht nur psychischer Krankheit, sondern – im Gegenteil – psychischer Gesundheit sein? Was kann hierfür getan werden? Wie können solche Eigenschaften ausgeformt werden? Ausdrückliches Ziel war nun nicht Heilung von pathologischen Zuständen, sondern ‚Wohlgefühl‘ (‚well being‘), ‚Lebenszufriedenheit‘ (‚life satisfaction‘), gar ‚Glück‘ (‚happiness‘) und geradezu das Aufblühen (‚flourishing‘) der Seele. Auf diese Weise entstand die ‚Positive Psychologie‘ – gewissermaßen als antithetisches Seitenstück der an Krankheitsbildern orientierten herkömmlichen Psychologie.

Wovon also hängt ab, wie die eben angesprochenen positiven Seelenzustände, etwa der Lebenszufriedenheit oder es Aufblühens, erreicht werden? Dabei verfielen Martin P. Seligman und Christopher Peterson, zwei ‚Positive Psychologen‘ der ersten Stunde, auf den antiken und prominent von Aristoteles vertretenen Einfall, dass Glück durch die Entfaltung von Tugenden erreicht werden könnte. Aristoteles und die Seinen glaubten, dass Glück, sie nannten es die Eudaimonia, nur im tätigen Leben erreicht werden konnte. Wie Seligman und Peterson in ihrem Buch ‚Character Strength and Virtues: A Handbook and Classification‘ zeigen, lassen sich sogenannte Tugendkataloge in vielen prominenten Hochkulturen und Religionen finden. Obwohl teils anders benannt und im Einzelnen durchaus verschieden beschrieben, kommen sie auf die folgenden sechs, interkulturell geteilten Tugenden: Weisheit, Mut, Humanität, Gerechtigkeit, Hinwendung zum Transzendenten, und – tataa! – Mäßigung.

Jede dieser sechs ‚Kardinaltugenden‘ lässt sich nun weiter in verschiedenen Charakterstärken untergliedern. Bei der Mäßigung wäre dies Vergebung und Gnade (‚forgiveness and mercy‘), Bescheidenheit und Demut (‚humility / modesty‘), Besonnenheit im Sinne einer vorausschauenden Klugheit (‚prudence‘) und Selbstdisziplin (‚self-regulation, self-control‘). Diese Charakterstärken können nun wiederum für die psychologische Forschung so konkretisiert werden, dass mittels Fragebögen nicht nur ermittelt werden kann, wie stark sie bei konkreten Persönlichkeiten ausgeprägt sind. Darüber hinaus können Aussagen darüber getroffen werden, wie diese Charakterstärken erreicht, verbessert und eingeübt werden können. Nicht zuletzt lässt sich damit natürlich klären, ob die aristotelische Vorstellung eigentlich mit den Tatsachen übereinstimmt: dass nämlich die Ausbildung dieser Tugenden und Charakterstärken irgendwie mit Glück, Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit zu tun haben.

Die zentrale Hypothese für eine Praxis der Nachhaltigkeit ist dabei offenbar die folgende: Das gute, das zufriedene und aufblühende Leben von Individuen braucht nicht nur den anderen Menschen, die Gemeinschaft, sondern es gilt auch: Nachhaltig lebt es sich oft besser!

Buchtipps:

Martin P. Seligman (2012), Flourish – Wie Menschen aufblühen: Die Positive Psychologie des gelingenden Lebens. München: Kösel-Verlag. Gut lesbare, populärwissenschaftliche und vor allem inspirierende Einführung in die Positive Psychologie.

Peterson, Christopher / Seligman, Martin P. (2004): Character Strengths and Virtues: A Handbook and Classification. Washington D.C., New York: American Psychological Association; Oxford University Press. Der Klassiker des Character-Strength-and-Virtues-Ansatzes; wissenschaftlich geschrieben und überaus umfassend; leider schon elf Jahr alt, aber immer noch unverzichtbar für alle, die es ganz genau wissen wollen.

Niemiec, Ryan M.; Wedding, Danny (2014): Positive Psychology at the Movies 2: Using Films to Build Character Strengths and Well-Being. 2 nd. Edition. Boston, Mass.: Hogrefe. Die aktualisierte Auflage des Klassikers (Positive Psychology at the Movies); hierbei handelt es sich um einen Filmführer der konsequent an den Tugenden und Charakterstärken orientiert ist; die jeweiligen einführenden und leicht verständlich geschriebenen Erläuterungen der Charakterstärken machen es auch als Einführung in den gesamten Ansatz empfehlenswert; mit Empfehlungen, was zur Ausbildung der jeweiligen Charakterstärken individuell geübt und getan werden kann.

Niemiec, Ryan M. (2014): Mindfulness and character strengths. A practical  guide to flourishing. Boston, Mass.: Hogrefe. Wer sich mit Achtsamkeitsmeditationen auskennt, wird hier Möglichkeiten finden, diese mit den Character-Strength-and-Virtues-Ansatz zu verbinden: Achtsamkeit zum Training der Charakterstärken. Darüber hinaus ist es eine gute Einführung in beide Ansätze.

Authentic Happines Web Site der Penn University of Pennsylvania, https://www.authentichappiness.sas.upenn.edu/. Nach Anlage eines Accounts ist – unter anderem – der Test ‘VIA Survey of Character Strengths’ möglich: Bei ihm worden die typischen Charakterstärken der Testperson ermittelt (in der Regel vier bis fünf aus dem Portfolio von insgesamt 24). Der Test dauert ca. eine halbe Stunde; eine Auswertung erfolgt kostenfrei direkt im Anschluss; detaillierte Auswertungen und maßgeschneiderte Verbesserungsvorschläge sind kostenpflichtig; auch viele weitere kostenlose Tests aus der positiven Psychologie sind möglich – abgestimmt auf das empfohlene Buch von Martin P. Seligman.